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Albanische Studenten in Graz: „Albanien ist für uns nur mehr ein Urlaubsland.“


Die Geschwister Petro und Agi sind für ihr Studium aus Albanien nach Graz gekommen. Der 20-jährige Orhan wurde in Österreich geboren. In die „alte Heimat” wollen sie nur mehr, um Urlaub zu machen.

Die Albaner Agi und Petro im Café Harrach in Graz

Im Grazer Café Harrach erzählen die Geschwister ihre Geschichte. Foto: Nikolaus Pichler

„Unsere Eltern wollten immer, dass wir im Ausland studieren“, erzählt die 27-jährige Agi. Während der Isolation durch das kommunistische Hoxha-Regime war daran nicht einmal zu denken. Auch als ab 1991 der große Massenexodus nach der Wende ausbrach, gab es laut Südosteuropaforscher Robert Pichler „nur wenige Studenten, die nach Österreich gekommen sind“. Das hat sich geändert. Waren laut Bildungsministerium 2012/2013 noch 385 Studenten mit „albanischer Staatsangehörigkeit“ an österreichischen öffentlichen Universitäten und Fachhochschulen inskribiert, so sind es heuer 514. Schon seit Anfang der 2000er würden Albaner laut Gejsu Plaku und Ujbien Shehu, die sich in ihrer Dissertation mit albanischer Migration beschäftigt haben, verstärkt im Ausland studieren. „Weil die Perspektiven dort besser sind”, sagt der 24-jährige Petro. Obwohl sich Albanien seit 2005 im Corruption Perceptions Index (CPI) von 24 auf von 100 Punkten verbessert hat: Viele der Jobs seien noch immer von Beziehungen oder Parteien abhängig. Arbeitsplätze gäbe es dort nur wenig.

Agi und Petro Zoto – albanische Studenten in Österreich

Im September 2007 zog Agi deswegen allein vom Badeort Durrës 929 Kilometer nach Graz. Geplant gingen sie und ihr Bruder jedoch nicht nach Österreich: „Wir haben nie über Österreich geredet“, sagt Agi.  Die Eltern entschieden sich spontan dafür, weil die Tante der Geschwister das Land bereits durch berufliche Reisen kannte. Agi und Petro war das Land kein Begriff. Als ihre Mutter sie im Mai 2007 nach der Schule anrief und verkündete: „Schatzi, im September bist du dann in Österreich“, fragte sich Agi nur: „Österreich? Was ist das?“

Vier Monate nach dem einschneidenden Telefonat stieg sie in die sechste Klasse am BRG Keplergasse ein und drückte die Schulbank, um die Matura zu machen. Als sie 2010 die Reifeprüfung ablegte, um ihr Molekularbiologiestudium in der steirischen Landeshauptstadt zu beginnen, stieß Petro zu ihr. Seit 2014 studiert er Jus. In Graz haben die Geschwister schnell Anschluss gefunden. „Weil wir ohne Familie hergekommen sind, haben wir uns nie so sehr mit anderen Albanern angefreundet“, sagt Petro. Eine starke albanische Lobby gibt es in Österreich ohnehin nicht. Im Unterschied zur Gruppe der Albaner aus dem Kosovo hätten sich albanische Albaner in Österreich nie organisiert, sagt auch der Experte Robert Pichler.

Der Studienort ist für die beiden mittlerweile zum Lebensmittelpunkt geworden. Die albanische Staatsbürgerschaft haben sie abgelegt. Doch schon davor hätten sie sich als Österreicher gefühlt. Agi ist seit 2017 schon auf dem Papier Österreicherin. Ihrem Bruder steht die Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft noch bevor. In Albanien sehen sie keine Zukunft mehr für sich. „Albanien ist für uns nur mehr ein Urlaubsland.“

Orhan Rugova – europäischer Student mit kosovarischen Wurzeln

Orhans Rugova spricht über seine kosovarischen Eltern und seine eigene Identität im Geek's Caté in Graz

Orhan Rugova erzählt im Geek’s Café, dass er manchmal Chai zum Schnitzel trinkt.  Foto: Johanna Fleischanderl

„Ich bin Österreicher, meine Eltern kommen aber aus dem Kosovo”, so stellt sich Orhan Rugova vor. Eigentlich heißt er anders, aber er möchte seinen richtigen Namen nicht online lesen. Er ist jemand, der die Schritte zu albanischen Volkstänzen kennt, Chai trinkt und Schnitzel mit Preiselbeermarmelade isst. Geboren in Oberösterreich spricht er lupenreinen Dialekt. Trotzdem sieht er sich weder als richtigen Österreicher noch als Albaner: „Am ehesten könnte ich mich noch als Europäer identifizieren.”

Kosovarische Traditionen und die Erlebnisse seiner Eltern haben seine Kindheit maßgeblich beeinflusst. Noch immer trinkt der Medizinstudent Chai, um sich nach Prüfungen zu entspannen.  Vor allem bei seinen schulischen Leistungen legte sein Vater besondere Strenge an den Tag. Während andere Kinder bei einem „gut“ jubelten und sich freuten, wusste Orhan, dass sein Vater ihn zuhause zur Rede stellen würde. Für seinen Vater war es damals beinahe unmöglich zu studieren. Die Universität in Pristina wurde geschlossen, weshalb er nach Rumänien auswandern musste. Nur sein Medizinstudium machte es möglich, dass er in Österreich Fuß fassen konnte.

Seit er gelernt hat zu sprechen, übt Orhan mit seiner Mutter Albanisch. Obwohl er Deutsch spricht, sieht er es nicht als seine Muttersprache an. Als er voller Begeisterung von der Innenstadt Pristinas erzählt, beschreibt er sie als „kochend” eine albanische Redewendung, die sich eingeschlichen hat. Seine Eltern haben den Kosovo vor fast dreißig Jahren als Teil des Massenexodus verlassen. Der jugoslawische Präsident Slobodan Milošević hob damals den Autonomiestatus der Provinz auf. Die serbische Regierung diskriminierte daraufhin die albanische Bevölkerung. Viele lehnten sich dagegen auf, doch über 368.000 Menschen sahen sich gezwungen, ihre Heimat zu verlassen.

Orhan verbringt im Kosovo bloß noch seine Sommerferien. Wenn er heute nach Pristina fährt, freut er sich darauf. Er wird von Verwandten mit der für den Balkan typischen Gastfreundschaft empfangen, spielt mit seinen Cousins und Cousinen Karten. Das war nicht immer so: „Als Kind war es mir egal, aber als Teenager hat mich das ganze Albanische genervt. Es war einfach eine Art Zwang, etwas das ich gar nicht wirklich wollte.“ Erst später, als ihm klar wurde, dass er sich seine eigene Meinung bilden musste, konnte er sich dem Kosovo wieder annähern. Laut Plaku und Shehu kehren 70 bis 90 Prozent der im Ausland lebenden Kosovo-Albaner jährlich für kurze Zeit in ihre Heimat zurück. Etwa 560.000 Touristen sind damit für rund 322 Millionen Euro Umsatz pro Jahr verantwortlich. Der junge Staat ist auf den Fremdenverkehr angewiesen, um Verluste im Außenhandelsbereich zu kompensieren.

Wenn Orhan in den Kosovo zurückkehrt, sieht er vor allem ein Land, das noch immer unter den Folgen des Kosovo-Krieges 1998 leidet. Österreich dafür zu verlassen, wäre für ihn keine Option. Es würde bedeuten, einen funktionierenden Staat für ein Land zu verlassen, in dem Politik, Rechts- und Gesundheitswesen noch immer im Aufbau sind und die Menschen unter Korruption, Armut und den Folgen des blutigen Konflikts leiden.

Autoren: Nikolaus Pichler, Johanna Fleischanderl

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