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Häusliche Gewalt in Albanien: „Irgendwann wird etwas sehr Schlimmes passieren.“


Jede zweite Frau in Albanien ist mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von häuslicher Gewalt. Darüber wird seit der Einführung des Gewaltschutzgesetzes endlich gesprochen. Die Situation der Opfer verbessert sich aber trotzdem nur langsam.

Auf Violettas Haut sind immer noch kleine, verblasste Narben zu sehen. Jedes Mal, wenn ihr Mann getrunken hatte, drückte er seine Zigaretten darauf aus. Er schlug sie, wenn sie das Haus verließ und bedrohte sie mit einem Messer. Freunde hatte sie damals keine. Als Violettas Mann sie zum ersten Mal angriff, kurz nach ihrer Hochzeit, war sie 15 Jahre alt. Ihre Mutter sagte damals, sie hätte sich für ihn entschieden und müsse bei ihm bleiben. Heute, 27 Jahre später, wohnt sie noch immer mit ihm zusammen – trotz Scheidung und gerichtlicher Schutzanordnung. Eine eigene Wohnung kann sie sich nicht leisten.

Gemeinsam mit ihrer Organisation HRDC bekämpft Aferdita Prroni häusliche Gewalt in Albanien

Aferdita Prroni engagiert sich seit zehn Jahren für Opfer von häuslicher Gewalt Foto: Roman Wagner

In Albanien gibt es mehr als 300 Frauen, die das Schicksal von Violetta teilen. Mit dem Gewaltschutzgesetz wurde häusliche Gewalt unter Strafe gestellt. Jedes Opfer hat seitdem ein Recht auf eine Schutzanordnung: Tätern wird dadurch verboten, den Aufenthaltsort der Betroffenen zu betreten. Die Realität sieht jedoch oft anders aus. Obwohl die Anzeigen von häuslicher Gewalt in Tirana in den letzten zehn Jahren von 100 auf über 3000 im Jahr 2017 angestiegen sind, verbessert sich die Situation der Opfer nur langsam.

Vor allem die schwierige finanzielle Situation vieler Frauen, die wie Violetta früh geheiratet und nie gearbeitet haben, ist ein Problem. Zwar gibt es finanzielle Unterstützung seitens des Staates, aber die umgerechnet 25 Euro im Monat reichen meist nicht zum Leben. Sozialwohnungen sind zwar vorhanden, doch das Angebot ist begrenzt. Für Violetta ist die aktuelle Situation eine Zerreißprobe. Auch wenn ihr Mann sie nicht mehr schlägt, trinkt er noch immer, beschimpft und bedroht sie. An die Polizei will sie sich nicht wenden, wegen der ausgesprochenen Schutzanordnung gäbe es nichts, was diese tun könne – oder wolle. Als sie davon erzählt erschaudert sie: „Es ist nicht sicher für mich, weiter bei ihm zu wohnen. Irgendwann wird etwas sehr Schlimmes passieren.“

Wirkungslose Schutzanordnungen: Wenn sich Opfer die Küche mit Gefährdern teilen

Dass Täter und Opfer trotz einer Schutzanordnung weiter zusammenwohnen, ist in Albanien eigentlich verboten. Doch aufgrund der Wohnungsknappheit entscheiden viele Richter, dass Täter und Opfer in verschiedenen Teilen der Wohnung leben sollen. Frauenhäuser gibt es zwar, doch bei Weitem nicht genug, um allen Betroffenen Unterschlupf zu bieten. Violetta entscheidet sich bewusst gegen eine solche Notunterkunft. „Das muss sich anfühlen, wie in einem Gefängnis. Die ganze Zeit dazusitzen und nichts zu tun, würde mich verrückt machen“, sagt sie. So muss sie sich weiterhin die Küche mit ihrem Exmann teilen.

Die Aussicht auf einen langfristigen Arbeitsplatz und eine eigene Wohnung gibt ihr Kraft. Mit Hilfe der NGO HRDC, dem Human Rights in Democracy Center, hat sie eine Ausbildung zur Köchin gemacht. Nun hofft sie auf eine Stelle in einem Restaurant. Wie Violetta, sind die meisten Opfer häuslicher Gewalt auf die Unterstützung von NGOs angewiesen – nicht nur was die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation betrifft, sondern auch wenn es um rechtlichen Beistand vor Gericht geht. Zwar gibt es rechtliche Unterstützung seitens der Regierung, allerdings wird  laut HRDC aktuell nur ein einziges Opfer vor Gericht auf Kosten des Staates vertreten. Violetta hatte sich 2011 nach ihrer Anzeige an die Organisation gewandt. Als sie herausgefunden hatte, dass ihr Mann sie betrog und mit einer anderen Frau ein Kind hatte, war für sie klar, dass sie einen Schlussstrich ziehen musste.

Null Toleranz bei häuslicher Gewalt

„Wenn Frauen Gewalt melden, ist das oft erst der Anfang. Aber in dieser Zeit brauchen sie am meisten Unterstützung“, sagt Aferdita Prroni, Leiterin von HRDC. Die meisten Frauen könnten nur mit psychologischer Unterstützung ihr Trauma verarbeiten. Ohne eigene Wohnung oder stabilen Arbeitsplatz sei ein Start in ein neues Leben fast unmöglich.  Gemeinsam mit ihrer Organisation hat sie bereits 170 Frauen geholfen. Neben dem Bearbeiten von Fällen, arbeitet die NGO auch an der Prävention von häuslicher Gewalt: Etwa mit Workshops an Schulen oder öffentlichkeitswirksamen Aufklärungskampagnen.

„Die Zeiten ändern sich, viele Albaner sehen Anzeigen von häuslicher Gewalt nicht mehr als Tabu. Vor zehn Jahren war das noch ganz anders“, sagt Prroni. Als sie im Jahr 2007 – kurz nach der Einführung des Gewaltschutzgesetzes – eine HRDC-Zweigstelle im Norden Albaniens eröffnete, meinte ein örtlicher Polizist, eine Frau, die ihren Mann anzeigt, wäre das Letzte, was passieren würde. Heute gehen nicht nur Anzeigen ein, es werden auch Schutzordnungen ausgestellt. Für Prroni steht fest, dass sich die Zeiten ändern. Die jüngere Generation würde häusliche Gewalt nicht mehr als Privatsache, sondern als gesellschaftliches Problem ansehen.

Dazu gehört auch Violettas Tochter, eine 25-jährige Polizistin, die demnächst heiraten wird. Für Violetta war es besonders wichtig, ihrem Kind bessere Voraussetzungen zu schaffen – auch gegen den Willen ihres Ehemanns. Als sie etwa die Anmeldung für das Gymnasium ausgefüllt hatte, war sie von ihm geschlagen worden. Aufgrund von Vorfällen wie diesen hat Violetta schon früh damit begonnen, ihrer Tochter zu vermitteln, dass Gewalt in der Familie keinen Platz haben darf. „Sie hat die Gewalt zwar gesehen, ich habe ihr aber immer gesagt, dass sie selbst so etwas nie tolerieren darf“, sagt sie.

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