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Religiöse Toleranz und Bauboom in Tirana


Albanien war einst Europas erster atheistischer Staat. Heute gilt das Land als Vorbild für religiöse Toleranz, in der Hauptstadt Tirana wird das auf engstem Raum sichtbar.

Wie Pfeilspitzen ragen sie in den Himmel. Weithin sichtbar, um ihre Botschaften zu verkünden. Minarette und Kirchtürme – keine 400 Meter Luftlinie voneinander entfernt – zeigen im Stadtzentrum von Tirana, wie ein Miteinander der Religionen funktionieren kann. Immer wieder wird Albanien als Vorbild für religiöse Toleranz genannt. Eine Studie des UNDP kam im April 2018 zum Schluss, dass diese Toleranz vor allem auf dem Säkularismus gründe, der in Albanien hochgehalten wird: Den meisten Menschen seien nationale und kulturelle Traditionen wichtiger als religiöse.

Ob dieses Phänomen auch mit der jahrzehntelangen kommunistischen Herrschaft zu tun hat, ist unter Experten umstritten. Der Diktator Enver Hoxha, der das Land bis zu seinem Tod 1985 beherrschte, hatte Albanien im Jahr 1967 zum ersten atheistischen Staat der Welt ausgerufen. In dieser Zeit war jegliche Religionsausübung verboten, ein Großteil der Gotteshäuser wurde umfunktioniert oder zerstört. Seit dem Fall des Regimes ist – zumindest in gewisser Hinsicht – eine Art Renaissance zu beobachten: Rund um den Skanderbeg-Platz im Herzen Tiranas entstehen moderne katholische und orthodoxe Kirchen ebenso wie eine monumentale Moschee.

Eine Tour zu den wichtigsten Gotteshäusern der Stadt.

Xhamia Et’hem-Bey, die älteste Moschee der Stadt

Schon damals als Kulturdenkmal anerkannt, ist die Et’hem-Bey-Moschee eines der wenigen Gebetshäuser, das die Hoxha-Zeit überdauert hat. Der Bau begann gegen Ende des 18. Jahrhunderts und wurde 1821 fertiggestellt. Die Moschee zählt somit zu den ältesten Gebäuden Tiranas, genauso wie der benachbarte Glockenturm. Eng schmiegt sich das kleine Gotteshaus, in dem nur 60 Gläubige zugleich Platz finden, an die Verwaltungsgebäude in seinem Rücken. Nach vorne ist der Blick auf den Skanderbeg-Platz offen. Über den reich verzierten Hauptraum spannt sich eine einzige Kuppel, der offene Vorraum ist bunt mit orientalischen Blütenornamenten bemalt. Ähnliche Fresken aus der Zeit des Osmanischen Reichs kann man auch auf der mittlerweile bröckeligen Außenfassade bewundern. Derzeit wird die Moschee mit finanzieller Unterstützung aus der Türkei renoviert.

Die Et’hem-Bey Moschee ist eines der ältesten Gebäude Tiranas.

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Foto: Julia Putzger

Xhamia e Namazgjasë, die größte Moschee des Balkans

Seit Tirana 1920 zur Hauptstadt Albaniens wurde, gibt es Pläne für die Errichtung einer Zentralmoschee. Immerhin sind etwa 60 Prozent der albanischen Bevölkerung formell Muslime, wobei die offiziellen Zahlen skeptisch zu behandeln sind und stark schwanken. Ausreichend Platz für die islamische Gemeinde gab es in zentralen Gebetshäusern aber bisher nie. Das zeigte sich besonders an wichtigen muslimischen Feiertagen, an denen Gläubige aufgrund von Platzmangel einfach auf Straßen und Plätzen rund um die Moscheen beteten. Durch den Bau der Xhamia e Namazgjasë, der großen Moschee von Tirana, soll sich das nun ändern. In zwei Gebetsräumen soll sie Platz für bis zu 4.500 Menschen bieten. Insgesamt ist eine Grundfläche von knapp 10.000 Quadratmetern geplant, auf der unter anderem Konferenzräume, eine Bibliothek und ein Museum des Zusammenlebens untergebracht werden sollen. Der Bau wäre damit nicht nur die größte Moschee Albaniens, sondern des ganzen Balkans. Bisher ist das die König-Fahd-Moschee in Sarajevo.

Der Kuppelbau im klassisch-osmanischen Stil soll noch gegen Ende des Jahres 2018 fertiggestellt werden – Baubeginn war im Mai 2015. Die vier Minarette ragen bereits 50 Meter hoch in den Himmel, ansonsten kann man derzeit nur einen flüchtigen Blick durch den Bauzaun erhaschen, der das Areal während der Arbeiten abschirmt. Das türkische Amt für religiöse Angelegenheiten finanziert das Projekt, das etwa 30 Millionen Euro kosten soll. Immer wieder wird deshalb internationale Kritik am steigenden Einfluss des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan laut. Albanien selbst könnte sich einen solchen Bau allerdings nicht leisten, weshalb die Türkei diese Möglichkeit ungehindert ergreifen konnte.

Ende 2018 soll die dann größte Moschee des Balkans in Tirana eröffnet werden.

 

Die friedlichen Derwische im Bektashi World Center

Eine Besonderheit und religiöse Minderheit stellt der Orden der Bektashi in Albanien dar. Die Bektashi zählen zu den schiitischen Aleviten, einer liberalen Strömung des Islams. Sie berufen sich auf Haci Bektaş Veli, der im 13. Jahrhundert aus dem Iran nach Anatolien auswanderte und seinen Glauben von dort aus auf dem Balkan verbreitete. Dieser gilt als sehr weltoffen und tolerant: Frauen und Männer dürfen gemeinsam an den Zeremonien teilnehmen und Alkohol trinken, genau festgelegte Gebetszeiten gibt es nicht und auch die Fastenzeit dauert nur zehn Tage lang.

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts erfreuten sich die Bektashi in Albanien großer Beliebtheit. Das Zentrum des Ordens wurde 1931 sogar von Anatolien nach Tirana verlegt. Mit der Ausrufung des atheistischen Albaniens brachen jedoch auch für die Bektashi schwere Zeiten an: Viele Mitglieder mussten ins Gefängnis, nur knapp ein Dutzend der religiösen Anführer überlebte und lediglich sechs der ursprünglich 50 Gotteshäuser, sogenannte Tekken, blieben verschont. Seit dem Fall des kommunistischen Regimes ist der religiöse Alltag aber wieder eingekehrt und das Bektashi World Center in Tirana erstrahlt in neuem Glanz.

Obwohl die Bektashi als sehr bodenständig gelten, fühlt man sich als Besucher im religiösen Zentrum winzig. Die meterhohen Säulen, die mit rotem, weißem und schwarzem Marmor ausgelegten Gehwege und Plätze und die bunt bemalte Kuppelhalle stehen in starkem Kontrast zu dem armen Wohnviertel im Osten der Stadt, in dem sich das Zentrum befindet. Trotzdem liegt die Besonderheit dieses Ortes auch in seiner Schlichtheit. Herzstück des Centers ist die Gebetshalle unter der imposanten Kuppel. In einem Nebengebäude, das in seiner Architektur an Taxh, die Mützen der religiösen Oberhäupter, erinnert, kann man den verstorbenen Vätern des Ordens gedenken. Außerdem ist im Keller des Hauptgebäudes ein modernes Museum untergebracht, das die Geschichte der Bektashi erzählt.

Die friedlichen Bektashi haben ihren Sitz etwas außerhalb der Stadtzentrums.

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Foto: Julia Putzger

 

Kathedrale der Wiederauferstehung Christi, die prunkvolle orthodoxe Kirche

Südwestlich des Skanderbeg-Platzes und keine 500 Meter von der Et’hem-Bey-Moschee entfernt, ragt der Glockenturm der Auferstehungskathedrale hoch in den Himmel. Obwohl sowohl die orthodoxen als auch die römisch-katholischen Christen in Albanien eine religiöse Minderheit darstellen, beauftragte man 2002 ein New Yorker Architekturbüro, um eine große und prächtige Kirche für die orthodoxen Anhänger zu bauen. Nach zehn Jahren Bauzeit wurde die Kathedrale der Wiederauferstehung Christi, auf albanisch die Katedralja e Ringjalljës së Krishtit, eröffnet. Die Kuppel mit einem Durchmesser von 26 Metern war einer der Gründe für die lange Bauzeit. Sie ziert ein Mosaik, das Jesus Christus darstellt. Auf dem Areal befinden sich noch drei kleinere Kapellen, die in ihrem Baustil der Hauptkirche ähneln. Zum großen Gebäudekomplex gehört außerdem ein Verwaltungsgebäude, ein Kulturzentrum und ein kleines Museum.

Doch auch im Jahr 2018 ist die Kathedrale noch nicht fertiggestellt. Von den vier Wänden, die die Kuppel tragen, sind nur zwei bemalt. Das Gerüst im Hauptraum der Kathedrale wird noch so lange stehen bleiben, bis in etwa zwei Jahren auch die vierte und letzte Wand mit aufwendigen Malereien verziert ist.

Das monumentale Eingangsportal der Wiederauferstehungskathedrale im Südwesten des Skanderbeg-Platzes.

 

Pauluskathedrale, die etwas andere katholische Kathedrale

Die Pauluskathedrale, nicht weit entfernt von der Enver Hoxha Pyramide am Ufer des kleinen Baches Lana, ist seit 2002 der Hauptsitz der römisch-katholischen Kirche von Tirana und Durrës. Hoch oben am Giebel der Kathedrale thront eine Statue ihres Namensgebers, des Heiligen Paulus. Der Grundriss des Gebäudes ist dreieckig und steht für die Dreifaltigkeit und die Verbundenheit der drei wichtigsten Religionen in Albanien. Vor dem Eingang der Kathedrale wacht und betet eine schlichte Mutter Teresa-Statue – eines der wenigen Anzeichen dafür, dass es sich hier um ein katholisches Gotteshaus handelt. Den Prunk und Protz, den man aus vielen mitteleuropäischen Kathedralen kennt, sucht man hier vergeblich, die gesamte Kirche ist sehr schlicht gestaltet, die Raumwirkung dafür umso imposanter. Die detaillierten Mosaikbilder der Fenster stellen Papst Franziskus dar. Als das Kirchenoberhaupt im September 2014 in Tirana zu Gast war, sprach er von Albanien als einem Land, das in Europa Vorreiter in Sachen religiöser Toleranz sei. Denn hier lebten Menschen verschiedenster Glaubensrichtungen in Einklang miteinander.

Die Pauluskathedrale befindet sich in unmittelbarer Nähe zur neuen großen Moschee.

 

Text: Katharina Hofer und Julia Putzger

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katharina

Fußballverrückte und Bierliebhaberin Kathi kümmert sich bei "Postcards from Albania" nicht nur um ihre eigenen Artikel, sondern schaut als Managing Editor auch den restlichen Redakteuren auf die Finger.

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