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Medienfreiheit in Albanien


Über die Pressefreiheit in Albanien ist man sich uneinig: Während internationale Indizes das Land als teilweise frei bezeichnen, reiht Reporter ohne Grenzen den Westbalkan-Staat nur auf Platz 76 von 180. Remzi Lani, Leiter des albanischen Medieninstituts, sieht das Land als graue Zone, kritisiert albanische Medien und kämpft mit seiner Arbeit für Veränderung.

Mit ernster, aber freundlicher Miene nimmt Remzi Lani am vordersten Sessel seines Konferenzzimmers Platz und blickt durch den Raum. Lani leitet das Albanian Media Institute, das mit einer unscheinbaren Tafel an der Außenseite des Gebäudes gekennzeichnet ist. Und genau diesen unscheinbaren Eindruck macht auch Lani selbst. Erschöpft wirkend erklärt er, erst kürzlich von einer Reise aus Paris zurückgekehrt zu sein. Dann beginnt er über das zu sprechen, mit dem er sich schon sein ganzes Leben lang beschäftigt: Medien. „Wisst ihr? Die Mediensituation in Albanien, aber auch die am ganzen Balkan, ist sehr komplex“, sagt er und lehnt sich an die Seite seines Sessels.

Remzi Lani spricht über Medienfreiheit
„Kein Land hat sich in den letzten Jahren mehr gewandelt als Albanien. Es gibt Verbesserungen, aber auch Dinge die sich verschlechtert haben. Schwarz und weiß – wir liegen irgendwo dazwischen.“ Foto: Daniel Eberl

Remzi Lani blickt auf eine lange Karriere als Journalist zurück: Zeri i Rinise in Tirana, die spanische El Mundo, Zeri aus Pristina und weitere internationale Zeitungen. Heute ist er nicht nur Direktor des albanischen Medieninstituts, das Jungjournalisten bei ihrer Ausbildung unterstützt und den albanischen Medienmarkt und seine Entwicklung erforscht, sondern auch der erste Präsident des South East Network of Media Centers and Media Institutes, einem Zusammenschluss von 15 südosteuropäischen Medieninstituten. Bis 2017 war Lani zudem Vorsitzender der Open Society Foundation Albaniens, die für Demokratisierung und mehr Offenheit in der Gesellschaft kämpft. Außerdem ist er Mitbegründer der 1990 gegründeten albanischen Menschenrechtsvereinigung. Aufgrund seiner Erfahrung gilt Lani als Balkan-Experte und Medienkritiker.

Wie steht es nun wirklich um die Medienfreiheit in Albanien?

In Albanien sind freie Meinungsäußerung und die Freiheit der Medien gesetzlich verankert. Einflüsse, die die journalistische Arbeit beeinträchtigen, gibt es dennoch: „In Albanien sprechen wir nicht von Zensur, die von der Regierung ausgeht, sondern von Selbstzensur. Wir sprechen nicht über offene Kontrollen, sondern von versteckten Einwirkungen aus Wirtschaft und Politik“, sagt Lani und fügt hinzu, dass es für die Regierung gar nicht nötig sei, intensiven Druck auf Journalisten auszuüben: „In Albanien wurde viel privatisiert. Das Recht von privaten Initiativen ist höher als das Recht auf Medienfreiheit oder das Recht, sich frei auszudrücken. In diesem Umfeld können sich Journalisten nicht frei fühlen.” Die schwerwiegendsten Probleme für Albaniens Medien seien laut Lani keine demokratischen. Viel mehr würden sie kapitalistische Aspekte beinhalten.

Versteckter Staatsbesitz privater Medien

„Der albanische Medienmarkt ist sehr wild, nicht reguliert, chaotisch und intransparent”, sagt der Medienexperte. Im Land gibt es insgesamt 19 Tageszeitungen und rund 700 digitale News-Portale. Zum Vergleich: In Österreich gibt es 16 Tageszeitungen – bei etwa dreimal so vielen Einwohnern. Für Lani ist die Anzahl der albanischen Medieninstitutionen zu hoch und er sieht zudem noch weitere Schwierigkeiten: „Die Regierung verwendet hetzerische Sprache gegen uns als Medien. Politiker versuchen, Medien zu kontrollieren und zu beeinflussen und Unternehmen möchten sie zu ihrem eigenen Vorteil verwenden.“

Albanische Zeitung
In Albanien gibt es rund 200 Printmedien. Foto: Daniel Eberl

Laut einem Bericht des Albanian Media Institute, der die albanische Medienszene mit EU-Standards vergleicht, besitzen viele vom Staat kontrollierte Unternehmen private Medien. Darüber ist sich die Bevölkerung meist nicht im Klaren. Bei der Entwicklung des Medienmarktes nach dem Wechsel von der Diktatur zur Demokratie im Jahr 1990 war die Medienprivatisierung kein Teil der öffentlichen Agenda. Lani glaubt, dass man die albanischen Medien auch als klientelistisch bezeichnen kann. Seiner Meinung nach würden sie eher die Interessen der Unternehmen sowie der Politik, als die der Bevölkerung vertreten: „Ich habe das Gefühl, dass Medien zwar journalistisch frei, aber eben nicht total unabhängig sind.“

„Grey Zone“: Albanische Medien im Vergleich

Die meisten Probleme von albanischen Medien würden laut Lani auch in anderen Ländern auftreten.„Vielleicht geht man hier bloß etwas gelassener damit um. Es ist einfacher, grau zu sein als schwarz oder weiß”, sagt der Medienexperte. In Albanien funktioniere einiges ganz gut, andere Dinge seien jedoch problematisch. Für viele stellt die Qualität und Professionalität von Medien ein großes Problem dar. Für Lani gibt es diese Schwierigkeit zwar, er glaubt aber, dass das Fehlen von Qualität hauptsächlich erwähnt werde, um albanische Medien zu attackieren. Die Probleme lägen nicht nur in der Integrität der Medien, sondern laut dem Medienexperten, vor allem an der Wirtschaft.

Ein weiteres Problem stellt die Regulierung von Medien in Albanien dar, was auch mit dem Aufblühen privater Medien verursacht wurde. „In Österreich muss erst einem Gesetz für private Medien zugestimmt werden und dann können diese zu arbeiten beginnen. In Albanien ist es genau andersrum“, erklärt Lani. Die Regierung würde Medien hier erst regulieren, wenn diese bereits die Arbeit aufgenommen hätten.

Für ihn ist auch die EU an diesen Problemen gescheitert: „Die EU-Integration hat gut funktioniert, um neue Demokratien zu transformieren, aber sie hat nicht wirklich funktioniert als es um Medien ging. Wenn es um Medienfreiheit in der Europäischen Union geht, denke ich, dass es in Bukarest sicher nicht besser ist als in Tirana, in Sofia nicht besser als in Belgrad und ich brauche gar nicht zu erwähnen wie es in Budapest ist. Dort ist es sogar noch schlechter als am Westbalkan.“

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