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Zwei Länder, eine Identität?


Der jüngste Staat und das einstige Nordkorea Europas: Ein Blick auf die gemeinsame Geschichte und bleibende Verbindungen zwischen dem Kosovo und Albanien.

Ende Mai fand in der Schweiz ein historisches Fußballspiel zwischen dem Kosovo und Albanien statt. Historisch, weil es die erste offizielle Begegnung der beiden Nationalteams war. Das Spiel wurde im Letzigrund-Stadion in Zürich ausgetragen, da sämtliche Stadien in Albanien sowie im Kosovo entweder die internationalen Vorgaben nicht erfüllen oder gerade renoviert werden. Trotzdem kamen fast 20.000 Besucher, um sich das Spiel anzusehen. Ein Grund dafür ist, dass ein großer Teil der albanisch-kosovarischen Diaspora in der Schweiz lebt. Das Ergebnis  (3:0 für den Kosovo) wurde schlussendlich von beiden Fanlagern gleichermaßen bejubelt – denn irgendwie gewannen so oder so die eigenen Landsleute.

Auf dem Rathausdach in Tirana weht die albanische Flagge.

Vom Dach des Rathauses in Tirana blickt man auf eine albanische Flagge. Foto: Roman Wagner.

„Großalbanien“ – kritisch betrachtet

Das Thema Großalbanien ist kein neues Phänomen und reicht bis in das 19. Jahrhundert zurück. Die Liga von Prizren, eine Vereinigung von albanischen Intellektuellen, setzte sich damals für ein unabhängiges Albanien und gegen die Aufteilung der Albaner und deren Gebiete ein. Heutzutage sind es einige wenige Nationalisten, die neben dem heutigen Albanien auch das gesamte albanisch-sprachige Gebiet des Kosovo für einen angestrebten Großstaat beanspruchen. So provozierten beispielsweise die Partei Aleanca Kuq e Zi (Allianz Rot-Schwarz) sowie die PDIU (Partei für Recht, Integration und Einheit) bei den Parlamentswahlen 2013 mit Parolen wie „Eine Sprache, eine Kultur, eine Nation, eine Zukunft“ und „Ich will ein vereintes Albanien“ auf ihren Plakaten. Doch sind es wirklich zwei Staaten mit ein und derselben Identität?

Laut der Journalistin und Autorin Jonila Godole würden in den beiden Ländern lediglich kleine Eliten an die Macht wollen und den Bürgern „ein Land des Volkes“ versprechen. „Das ist aber wegen der jetzigen politischen Lage nicht mehr möglich“, sagt Godole. Auch wenn sich die politische Situation in Albanien nach dem Fall des kommunistischen Regimes unter Enver Hoxha wieder stabilisiert hat, kämpft das Land weiterhin mit korrupten Politikern und Beamten – für Gedanken an Großalbanien bleiben in der Realität hier weder Zeit noch Ressourcen. Godole selbst glaubt auch nicht an ein vereinigtes Großalbanien. Damit steht sie stellvertretend für eine Generation, die im Ausland Erfahrung gesammelt hat, und mit dem Wunsch, die Situation in Albanien zu „verbessern“, in ihre Heimat zurückgekehrt ist. Godole engagiert sich seither für Vergangenheitsbewältigung und will mit ihrer Arbeit ein Bewusstsein für die albanische Geschichte in den Köpfen der Jugendlichen schaffen.

Albanische Flagge weht im Wind vor der Oper in Tirana

Dem Nationalstolz wird mit der Landesflagge Ausdruck verliehen. Foto: Roman Wagner.

Durch die Geschichte vereint

Auch im Kosovo verarbeitet Erëmirë Krasniqi von Oral History Kosovo die schwierige Geschichte ihres Landes, die von Kriegen und Flüchtlingswellen geprägt ist. Wie Godole blickt auch Krasniqi in eine positive Zukunft: „Die schwierigen Zeiten für unser Land sind vorbei.” Nicht ganz so optimistisch gestimmt ist Besa Luci, Chefredakteurin von Kosovo 2.0, einem in Pristina angesiedelten Medienprojekt, das sich umfassend mit der aktuellen Lage im Kosovo und dessen Nachbarländern auseinandersetzt. Für Luci ist die derzeitige Lage, in der sich das Land befinden, kritisch. „Man ist wie eingesperrt im eigenen Land. Auch die Visa-Situation hat sich verschlechtert. Kaum ein Student hat die Möglichkeit ins Ausland zu gehen. Ich glaube, dass die junge Generation nicht mehr so hoffnungsvoll in die Zukunft blickt wie vor zehn Jahren“, sagt die Journalistin. Seit dem 17. Februar 2008 ist der Kosovo unabhängig und darauf bestrebt, in die Europäische Union aufgenommen zu werden. Dem ging jedoch ein jahrzehntelanger Konflikt mit Serbien voran, der im Kosovokrieg 1998 gipfelte.

Mit der Unabhängigkeit kamen neue Probleme auf das junge Land zu, während der Konflikt mit Serbien weiterhin andauert. So wird der Kosovo nicht von allen Ländern Europas als souveräner Staat angesehen. Neben Serbien erkennen auch Spanien und Griechenland den Staat nicht als unabhängig an. Dazu kommt das Visa-Problem: Damit Kosovaren ins Ausland reisen dürfen, müssen sie für die meisten Zielländer ein Visum beantragen. Dies kann bis zu sechs Monate dauern. Nur in die angrenzenden Nachbarländer – Albanien, Mazedonien, Montenegro und die Türkei – dürfen kosovarische Bürger ohne Visum einreisen. Eine Visa-Liberalisierung wird erst möglich, wenn der Kosovo die Richtlinien für den EU-Beitritt erfüllen kann. Hierfür ist aber u. a. eine Verbesserung der eigenen Grenzkontrollen nötig – und auch der Korruption im Land muss ein Ende gesetzt werden. Großalbanische Fantasien passen nicht in dieses Bild. Was mitunter ein Grund ist, warum die etablierten kosovarischen Parteien den Begriff „Großalbanien” gar nicht erst in den Mund nehmen – um weiterhin auf die Unterstützung von EU und NATO hoffen zu können.

Die größte Baustelle Europas?

Nach dem Kosovokrieg, in dem die albanische Bevölkerung des Kosovo diskriminiert und verfolgt wurde, und dem autoritären Regime des Diktators Enver Hoxha in Albanien geht es wieder aufwärts für die beiden Staaten am südlichen Balkan. Albanien gilt unter Kennern bereits als Tourismus-Geheimtipp, ist ein sicheres Reiseland und im Vergleich zu Kroatien wesentlich günstiger. Der Kosovo feierte im Frühjahr 2018 seine zehnjährige Unabhängigkeit. Doch beide Länder haben immer wieder mit Rückschlägen zu kämpfen. Studien zufolge sollen es die Beitrittskandidaten nicht vor 2030 in die Europäische Union schaffen. Trotzdem werden immer wieder Schritte in Richtung EU-Beitritt gesetzt. Eine wichtige Rolle spielt dabei eine Generation von Politikern, die sich auch für Themen wie das Umweltbewusstsein im Land einsetzen. Genauso wie gut ausgebildete Journalisten, die mit ihrer Arbeit gegen Korruption und für eine freie Medienlandschaft kämpfen. Und nicht zuletzt die Vergangenheitsbewältigung, die zeigt, dass es bei der Diskussion über die Zukunft Albaniens und des Kosovo für die „Großalbanien”-Thematik keinen Platz gibt.

Text: Katharina Hofer

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katharina

Fußballverrückte und Bierliebhaberin Kathi kümmert sich bei "Postcards from Albania" nicht nur um ihre eigenen Artikel, sondern schaut als Managing Editor auch den restlichen Redakteuren auf die Finger.

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