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Wie Albanien seine Geschichte aufarbeitet


Das Institut für Demokratie, Medien und Kultur (IDMC) beschäftigt sich mit der Aufarbeitung der albanischen Vergangenheit. Jonila Godole gibt jungen Menschen die Möglichkeit, durch kreative Projekte die eigene Geschichte kennenzulernen.

„Wenn ich meine Studenten frage, was sie über Enver Hoxha und die Diktatur wissen, können sie mir keine Antwort geben, weil kaum jemand etwas darüber weiß“, sagt Jonila Godole. Die albanische Journalistin, Universitätsprofessorin und Leiterin des IDMC kritisiert scharf: „Die Leute denken: Wer ist dieser gutaussehende junge Mann? Sein Gesicht sieht man in sehr vielen Läden in Tirana hängen, in Zeitungen wird er immer wieder abgedruckt und auch in den Privathäusern wird oft noch ehrfürchtig an ihn gedacht. Er ist sehr charismatisch und wirkt dabei beinahe sympathisch.” Fest steht: In Albanien gibt es kein Gesetz, dass kommunistische Symbole nicht gezeigt werden dürfen und so wird Enver Hoxhas Gesicht häufig dennoch abgebildet. Die Person Enver Hoxha ist auch heute noch überall präsent und im Bewusstsein der Albaner verankert. Doch sind es seine Taten auch?

Das Institut für Demokratie, Medien und Kultur in Tirana hat es sich zum Ziel gesetzt, die Geschichte rund um den Kommunismus und den Diktator aufzuarbeiten. Jonila Godole ist Professorin für „Journalismus und politische Kommunikation“ an der Universität Tirana. Durch Gespräche mit ihren Studierenden und aufgrund ihrer persönlichen Erfahrung hat die heute 44-Jährige herausgefunden, dass junge Menschen in Albanien kaum etwas über die eigene Vergangenheit wissen. Auch sie selbst war als Kind von dieser Unwissenheit betroffen: In ihrer Familie sprach man nicht über den Kommunismus oder über die Verbrechen, die im eigenen Land begangen wurden. Jonila Godole erinnert sich an das Jahr 1986 zurück und daran, dass sie mit 12 Jahren angefangen hatte, nachzufragen. „Ich wusste, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Doch wie soll ein Kind wissen, was Falsches vor sich geht, wenn mit ihm nicht darüber gesprochen wird?“. In ihrer Familie wurde nicht über die Ereignisse und den Krieg gesprochen – wie in tausenden anderen albanischen Familien auch. Godoles Beispiel ist bis heute kein Einzelfall.

Jonila Gondole im Gespräch

Die albanische Journalistin hat von 1997 bis 2005 in Deutschland studiert. Foto: Daniel Eberl

Schweigen, Unwissen und Nostalgie

Was in der Vergangenheit passiert ist, hat tiefe Narben in der Gesellschaft hinterlassen: Die politischen Verfolgungen, die Gefangenschaften und die Tötungen stehen für sich. Doch über diese Zeit möchte im eigenen Land niemand sprechen. Enver Hoxhas von 1944 bis 1985 dauernde Herrschaft wird verdrängt und totgeschwiegen. Und mit ihr die grausamen Verbrechen, der Krieg und die Ermordungen. Deshalb sucht Jonila Godole nach Lösungsansätzen und fragt sich, was man in erster Linie gegen die Verharmlosung der Diktatur tun könne.

Darüber zu sprechen ist ihre Antwort darauf. „Unser Institut arbeitet eng mit dem Verband für Geschichtslehrer zusammen. Sie sollen den Schülern die Wahrheit über die kommunistische Vergangenheit vermitteln“, sagt sie. Doch laut ihrer Einschätzung gibt es zwei große Haken daran. Erstens gehen die Geschichtsbücher nicht ausreichend auf die vergangenen Ereignisse ein: Die Schulcurricula haben sich kaum geändert und in über 45 Jahren Diktatur in Albanien gibt es auch heute noch alte Schulbücher von damals, die im Unterricht verwendet werden. Nur wenige Texte und Bücher wurden aktualisiert. Zwar steht in den Büchern, dass es den Kommunismus und die Diktatur gab, doch nicht warum und was dieses Regime für die Menschen bedeutete. Viele Tausende von Albanern wurden ermordet, verfolgt oder waren bis zum Ende der Diktatur in den 90er-Jahren in Internierungslagern. Solche Informationen stehen allerdings nicht in den Geschichtsbüchern, bedauert Godole.

Das zweite große Problem sieht sie bei den Lehrenden selbst. Oft werden sie nämlich unbewusst nostalgisch, wenn sie über die Zeit von vor 30 Jahren sprechen. Aussagen wie: „Früher gab es weniger Autos, dadurch war die Luft besser“ oder „früher hatte jeder einen Job und es gab keine Kriminalität“ stünden laut der Publizistin noch immer häufig an der Tagesordnung in albanischen Schulen. „Das ist Unsinn und naiv“, sagt Godole. Der Staat selbst sei korrupt und kriminell gewesen. Es sei eine nostalgische Utopie, ein Schema, in das die meist schon etwas älteren Lehrenden unbewusst fallen würden.

Wie kann ich von der Geschichte lernen?

Das IDMC in Tirana gibt vor allem jungen Menschen die Möglichkeit durch kreative Projekte die persönlichen Geschichten und familiären Erfahrungen zu teilen, sodass ein Bewusstsein geschaffen wird. Dabei ist es besonders wichtig, dass vor allem die ältere Generation den Jungen von der Vergangenheit erzählt. So werden beispielsweise Zeitzeugen in Schulen eingeladen, um über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Seit 2014 gibt es das Institut und seitdem wurden mehrere Projekte, wie Dokumentarfilme, Ausstellungen oder nationale Wettbewerbe gestartet. Bei den sogenannten „Memory Days“, die jedes Jahr im Herbst stattfinden, beschäftigen sich verschiedenste Projektgruppen mit dem Thema Geschichtsaufarbeitung – darunter auch das IDMC.

Außerdem hat das IDMC im Zuge dessen zwei große Projekte veranstaltet. 2015 wurde  „Born in the 90ies – explore the past, create the future!“ und in den darauffolgenden zwei Jahren „Ask your Grandparents“ gestartet. Beide Initiativen waren nationale Wettbewerbe, an denen sich Jugendliche von 15 bis 25 Jahren beteiligen konnten. Diese jungen Menschen sollten dabei ihre Familien in die Geschichtsaufarbeitung mit einbeziehen und von ihnen lernen. Die Teilnehmer wurden aufgefordert ihre Geschichte zu erzählen, Zeitzeugen kamen zu Wort und wurden interviewt. In kurzen Videos präsentierten sie die Ergebnisse. Ein wichtiger Teil der Aufarbeitung sei es, dass der Dialog zwischen den Generationen hergestellt werde und man sich mit der Thematik auseinandersetze. „Man kann von den eigenen Verwandten oft viel mehr über die Vergangenheit lernen als in Vorträgen an der Schule“, sagt Gondole.

Jonila Gondole über den Demokratiegedanken der albanischen Bevölkerung

Der demokratische Gedanke muss die Köpfe der albanischen Bevölkerung erreichen, sagt Jonila Godole. Foto: Daniel Eberl

Dabei ist etwa herausgekommen, dass manche Kinder überhaupt das erste Mal mit ihren Familien über dieses Thema gesprochen haben: Was hat mein Opa gemacht, war er für das Regime oder dagegen? Wie reagierte mein Umfeld auf die Diktatur? Wie steht meine Familie heute dazu? Fragen, die sehr viel mehr über ein Land und ihre Menschen aussagen als jemals in einem Geschichtsbuch stehen könnte.

Auch die beiden Filme „Die Kinder der Diktatur” und „Das Land, das vergaß zu vergessen”, die vom IDMC produziert wurden, sollen helfen an eine breite Masse zu appellieren, dass die Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten darf. Zudem ist auch die Sensibilisierung von Lehrkräften wichtig. In einer engen Zusammenarbeit mit dem Verband für Geschichtslehrerinnen und -lehrer sowie dem Bildungsministerium in Albanien soll dieser Aufklärungsprozess vorangetrieben werden.

Für Godole ist Bildung der Schlüssel zum Verständnis der Vergangenheit. Ginge es nach ihr, sollten die Schulcurricula umgestellt, stark verändert und ergänzt werden. Die Gesellschaft und die Politik sollten hinter dieser Aufarbeitung und Veränderung stehen. „Unser Präsident soll es endlich laut aussprechen: Das waren Verbrechen. Verbrechen, der schlimmsten Art und es ist falsch diese zu leugnen“, sagt sie. Obwohl Albanien mittlerweile seit 27 Jahren demokratisch regiert wird, wird es, laut Godole, wahrscheinlich noch einmal so lange dauern, bis die Bevölkerung wirklich demokratisch denkt. Erst wenn der demokratische Gedanke die Köpfe der Menschen erreicht hat und sie einsehen, dass es wichtig ist, von der Geschichte zu lernen, um die Fehler nicht zu wiederholen, ist die Geschichtsaufarbeitung geglückt, hofft Jonila Godole.

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