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Jutta Benzenberg: „Fotografie ist da, um Würde zu zeigen“


Wie keine andere ihrer Profession hat die Fotografin Jutta Benzenberg Albanien seit dem Fall des kommunistischen Regimes begleitet. Ein Gespräch über ihre Arbeit inmitten der Armut, Wahlkampffotografie abseits von Propaganda und den Blick in die menschliche Seele.

Durch ihren Mann Ardian Klosi habe sie einen besonderen Blick auf das Land und seine Bewohner bekommen, sagt Jutta Benzenberg. Seit 1991 hält die Fotografin die Armut und die Veränderungen in Albanien mit ihrer Kamera fest. Ardian Klosi, Intellektueller und Kämpfer für die albanische Zivilgesellschaft, war landesweit bekannt.

„Alle Menschen, die hier etwas sind“, wie Jutta Benzenberg es ausdrückt, seien zu ihm gekommen, um über die Zukunft des Landes zu diskutieren – darunter auch der heutige Premierminister Edi Rama. Benzenberg lernte Klosi in Deutschland kennen und ging mit ihm nach Albanien. Zuvor hatte sie an der Bayerischen Staatslehranstalt für Fotografie studiert und unter anderem als Kameraassistentin beim Bayerischen Rundfunk gearbeitet. Ihre Bilder sind international in Ausstellungen zu sehen.

Porträt Jutta Benzenberg

Die Fotografin Jutta Benzenberg im Selbstporträt. Foto: Jutta Benzenberg

Postcards from Albania: Eine ihrer Ausstellungen trug den Titel „Lost & Found – Wer reist denn schon nach Albanien?“. Warum ist das Land für Sie so viel spannender als Ihr damaliger Job als Kameraassistentin?

Jutta Benzenberg: Ich musste dort immer tun, was man mir gesagt hat und das hat mich nicht ausgefüllt. Ich wollte etwas Eigenes machen. Als ich nach Albanien kam, war ich sehr erschüttert. Ich habe wunderbare, lustige Menschen gesehen, aber sie waren so arm, das kann man sich nicht vorstellen – und das so nahe an Europa. Ob Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten oder Gefängnisse, alles sah gleich aus.

Wie hat sich Albanien seit Ihrem ersten Besuch im Jahr 1991 verändert?

Das Land hat sich in Richtung Tirana verändert, aber auch Tirana hat sich verändert. Wenn man aufs Land fährt, sieht man, dass die Armut gleich geblieben ist und die Menschen weg wollen. Ich weiß auch nicht, wie man das schafft mit 200, vielleicht 400 Euro im Monat zu überleben, denn auch hier ist alles teurer geworden. Es muss noch viel getan werden.

Sie glauben, dass Sie durch Ihre Fotografie den Menschen helfen können. Thematisieren Sie deswegen in Ihren Werken die Armut der albanischen Bevölkerung?

Ich weiß, es sieht nach Armut aus, aber ich empfinde diese Menschen nicht als arm. Sie geben mir mehr, als irgendwelche neureichen Leute, die ich in luxuriösen Häusern treffen könnte, in die sie gar nicht hineinpassen. Die Menschen auf dem Land sagen mir stattdessen Dinge, bei denen ich mir denke: Gott, jeder Philosoph braucht Jahre, um das zu erklären. Ich meine, was soll man auch fotografieren? Fashion, Weddings? Nein. Ich fotografiere, um mir selbst treu zu sein, um die Wahrheit zu sagen. Albanien wird oft vergessen, aber die Albaner selbst vergessen hier ihre eigenen Leute. Das finde ich überhaupt nicht in Ordnung. Ich mache weiter, obwohl ich dafür kritisiert werde. Ich zeige die Menschen, die hier vergessen sind, aber niemals unwürdig. Niemals. Jedes Porträt, jedes Licht, jede Aufnahme ist dazu da, um deren Würde zu zeigen.

Alte Frau vor Tanker

Mitten im Feld zwischen den albanischen Städten Fier und Berat. Foto: Jutta Benzenberg

Wie gehen sie mit dem, was sie bei Ihrer Arbeit sehen und erleben, um?

Ich bin natürlich auch Journalistin, ich bin Dokumentarfotografin und lasse es nicht an mich heran. Da ist meine Kamera dazwischen. Ich sehe es, ich nehme es mit nach Hause und dann vergesse ich das teilweise auch. Das muss ich tun, weil sonst wäre ich ja nur am Weinen. Jetzt, wo ich sage, dass ich die Geschichten mit nach Hause nehme, fällt mir etwas ein. Das Faszinierende an meiner Art der Fotografie ist für mich – philosophisch gesehen – Folgendes: Ich gehe an einen Ort, kenne die Menschen dort nicht, ich weiß gar nicht, was passiert. Es ist noch nichts da. Dann fotografiere ich und nehme eine Geschichte mit. Diese Geschichte ist dann ein Teil von mir.

Fotografie ist irgendwie auch immer ein Abenteuer.

Ja, Abenteuer sind wichtig für mich. Ich langweile mich sonst total. Es ist anstrengend in Albanien zu leben, sehr anstrengend. Aber es gibt mir das Gefühl, dass ich am Leben bin. Ich habe versucht, in Deutschland wieder Fuß zu fassen und ganz dort zu sein, aber das ging nicht mehr.

Als Fotografin wollen Sie das wahre Gesicht einer Person zeigen – wie schafft man das?

Ich gehe sehr auf die Menschen ein und sie lassen das zu. Ich kann von einem Foto nur sagen, dass es gut ist, wenn ich damit den Blick in die Seele eingefangen habe. Meistens mache ich Bilder von Menschen, deren Seele – sagen wir einmal – sehr anrührt.

Was macht diese Seele aus, die Sie in Ihren Bildern zeigen?

Die Ehrlichkeit. Für mich ist es unglaublich wichtig, dass Menschen ehrlich sind. Ich habe schon als Kind gespürt, wenn es jemand nicht ehrlich mit mir gemeint hat. Viele sagen auch heute zu mir: „Du bist noch ein Kind“ und meinen das negativ. Aber ich bin froh darüber, dass das Kind in mir noch nicht verschwunden ist.

Staatlich organisierte Fotografie wurde vom kommunistischen Regime gefördert, private Aufnahmen und der Besitz von Fotoapparaten wurden hingegen nicht immer toleriert. Sie kamen kurz nach dem politischen Umbruch mit Ihrer Kamera nach Albanien. Wie haben die Menschen reagiert?

Sie wollten, dass ich fotografiere, um ihre Situation zu zeigen. Erst dachte ich, ich muss fragen und aufpassen. Aber die haben alle gesagt: Du, fotografier uns. Zeig, wie es uns geht. Vor allem hatte ich den Zugang durch meinen Mann (Ardian Klosi, Anm.). Er und seine Familie waren sehr bekannt in Albanien. Ich hatte überhaupt keine Probleme zu fotografieren und es war auch nicht gefährlich.

Es gehört aber schon auch Mut dazu, in die abgelegensten Gegenden zu gehen.

Ich war ja nicht alleine. Und ich bin geschützt durch den Namen Ardian Klosi.

Glauben Sie, dass es jemand anderer ohne diesen Schutz auch so leicht gehabt hätte?

Ja, ich denke schon. Hier in Albanien ist die Gastfreundschaft das höchste Gebot. Das steht schon im Kanun. Ich bin in dem Moment ein Gast und der wird geschützt.

Der Kanun ist das Gewohnheitsrecht, das in Albanien über viele Generationen hinweg mündlich überliefert und lange Zeit anstelle von Gesetzen angewandt wurde. Darin ist auch die Blutrache enthalten. Sie haben Kinder fotografiert, die von dieser grausamen Tradition betroffen sind.

Jeder Journalist, der nach Albanien kommt, will etwas über die Blutrache oder die Mann-Frauen machen. Da bekomme ich schon immer die Krise, weil es hier ja noch andere Themen gibt. Ich wollte das nie machen. Trotzdem dachte ich mir, dass diese Themen dazugehören und ich sie machen muss. Um noch extremer zu sein, wollte ich deshalb nicht Erwachsene, sondern Kinder zeigen, die in Blutrache leben. Vielleicht kann man so doch etwas bewirken und auf das Problem aufmerksam machen.

Jugendliche mit Teller und Geschirrtuch

Wenn die Eltern zu Mördern werden, werden ihre Kinder zu möglichen Opfern der Blutrache. Foto: Jutta Benzenberg

Suchen Sie Ihre Protagonisten selbst aus oder machen Sie öfter Auftragsarbeiten?

Ich stelle mir selbst Aufgaben. Mein neuestes Projekt dreht sich um die Religion in Albanien. Es ist bekannt, dass man hier immer sehr tolerant mit diesem Thema umgegangen ist, man lebt friedlich nebeneinander, mitten am Balkan, wo das eher ungewöhnlich ist. Ich möchte das kritisch betrachten und herausfinden, ob es diese Toleranz noch immer gibt. Außerdem ist es für mich wichtig, dass ich Ausstellungen im Ausland mache. Albaner brauchen die Bilder nicht zu sehen, weil sie ja wissen, wie es hier ist. Die anderen müssen sehen, was hier passiert. Darauf arbeite ich jetzt hin.

Über Ihre Bilder wird oft geschrieben, dass sie Emotionen sehr stark zeigen. Ein Beispiel sind die Fotos, die Sie im Jahr 2013 während des Wahlkampfes des jetzigen Premierministers Edi Rama gemacht haben. Was glauben Sie selbst, ist das Besondere an Ihren Fotografien und woher kommt es?

Ich habe für Edi Rama die Porträts für die Werbeplakate gemacht. Er hat mich danach gefragt, ob ich ihn noch für 30 Tage im Wahlkampf unterstütze. Ich fand das Ganze interessant, aber dann dachte ich: Oh Gott, was fotografiere ich denn da? Ich will auf keinen Fall Propaganda machen, ich mache einfach meine Reportage. Ich zeige die Menschen, die eine Veränderung brauchen. Die Menschen, denen es nicht gut geht. Ich habe in diesem Wahlkampf also einfach meine Fotografie weitergeführt. So habe ich alte Gesichter, zerschundene Hände, kaputte Kleidung gezeigt. Da war so viel Adrenalin. Man spürte, dass es den Menschen reicht, dass sie jemand anderen in der Regierung wollen. Mein Mann hat jahrelang dafür gekämpft, dass Edi Rama einmal Premierminister wird. Leider hat er es nicht mehr erlebt. Ich wollte das weiterführen. Die Fotos habe ich ein Jahr nach seinem Tod gemacht.

 

Porträt eines alten Mannes auf einer Wahlveranstaltung von Edi Rama

Unter dem Titel „30 Tage“ waren die Fotos aus dem Wahlkampf in Ausstellungen zu sehen. Foto: Jutta Benzenberg

Sie sagten, dass Sie für Ihre Bilder immer wieder kritisiert werden. Sahen Sie sich auch bei den Bildern aus dem Wahlkampf mit Kritik konfrontiert?

Nein, im Gegenteil. Die Menschen haben sich etwas einfallen lassen, damit ich sie fotografiere. Also die Fotos fanden alle gut. Was die Menschen nicht mögen ist, dass ich immer wieder zu den Armen gehe. Das mache ich weiter, obwohl Edi Rama als neuer Premierminister regiert. Viele fragen mich deshalb, wie ich das machen könne, der Premier sei doch mein Freund. Dann entgegne ich, dass er nicht alles machen kann. Ich glaube, da müssten die Communities selbst anpacken. Aber die Zusammenarbeit, dieses Gefühl, etwas zusammen zu tun, das existiert hier noch nicht.

Was hält sie nach so vielen Jahren immer noch hier in Albanien?

Mittlerweile ist das Land meine Heimat geworden. Wenn ich durch Tirana gehe, fühle ich mich einfach zuhause. Ich habe hier meine Freunde, ich habe hier meine Arbeit und diese Fotografie – 20 Jahre Albanien – ist nun einmal mein Leben. Wenn ich das aufgebe, dann habe ich nichts mehr. Also ich habe natürlich meine Kinder, aber das genügt mir nicht.

Was haben Sie durch die Fotografie gelernt?

Ich habe nicht durch die Fotografie gelernt, sondern dadurch, dass ich hier lebe und arbeite. Ich lerne die Mentalität kennen, versuche hier mein Leben ein bisschen lockerer zu nehmen und auch manchmal unpünktlich zu sein. Das habe ich bis jetzt leider noch nie geschafft. Ich bin ein furchtbar ungeduldiger Mensch. Ich denke mir, dass ich auch in dem Land bin, um Geduld zu lernen. Und ich denke mir, es gibt immer einen Grund, warum man das tut, was man tut. Das gibt mir ein gutes Gefühl.

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