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Tirana 2030: Albaniens größte Baustelle


Tirana wächst. Innerhalb weniger Jahre hat sich die Einwohnerzahl verdoppelt, dementsprechend unüberschaubar ist die Stadt gewuchert. Nun sollen Projekte wie „Tirana 2030“ Ordnung ins Chaos bringen.

Mehr als 800.000 Menschen leben heute im Ballungsraum Tirana – die Stadt alleine zählt laut eigenen Angaben mehr als eine halbe Million Einwohner. Als das kommunistische Regime im Jahr 1991 zerfiel, waren es etwa halb so viele. Die neue Ära brachte eine Aufbruchsstimmung in vielerlei Hinsicht mit sich: Tausende Albaner wanderten nach Mitteleuropa aus, aber auch die Hauptstadt Tirana wurde zu einem neuen Anziehungspunkt. Die Hoffnung auf ein besseres Leben, besonders aber auf einen sicheren Arbeitsplatz, war für die ländliche Bevölkerung Grund genug, um ihre Dörfer im albanischen Hinterland zu verlassen. Der regelrechte Ansturm auf die Hauptstadt führte dazu, dass die Stadt sich besonders nach Norden hin stark ausdehnte. Der Vorort Kamza ist ein Paradebeispiel für das beinahe gesetzlose Durcheinander der damaligen Bebauung, in das auch gegenwärtig schwer Ordnung zu bringen scheint.

Panorama von der Pyramide aus.

Tirana wächst nicht nur in die Breite, sondern auch in die Höhe. Foto: Julia Putzger.

Vom unbedeutenden Städtchen zur Metropole

Tirana ist heute das wirtschaftliche, politische und kulturelle Zentrum Albaniens. Die Stadt hat sich während des letzten Jahrhunderts vom orientalischen Landstädtchen zum Dreh- und Angelpunkt des Landes gemausert. Vor beinahe 100 Jahren, beim Kongress von Lushnja 1920, wurde ihr Schicksal besiegelt: Damals überlegte man, welche albanische Stadt am besten als Hauptstadt geeignet sei. Wichtig war dabei die zentrale Lage im Land: angrenzende Staaten konnten hier keine eventuellen Besitzansprüche erheben, wie etwa in Shkodra. Außerdem gab es keine Kontrolle durch ausländische Truppen, wie dies etwa in der Hafenstadt Durrës der Fall war. Das zuvor unbedeutende Tirana bot somit ideale Voraussetzungen und war fortan die Hauptstadt Albaniens.

Die politische Entwicklung seither zeigt sich auch am Gesicht der Stadt. Erste Baumaßnahmen in den 1920er-Jahren waren Regierungsgebäude und weite, geradlinige Prachtstraßen im Häusergewirr, die von italienischen Architekten realisiert wurden. Im Gegensatz dazu wurden in der Zeit des albanischen Kommunismus von 1944 bis 1991 viele historische Gebäude abgerissen, um stattdessen monumentale, repräsentative Bauwerke an ihre Stelle zu setzen – besonders Gotteshäuser störten im atheistischen Albanien. Die in ihrem Ausdruck schlichte, aber doch massive Architektur des Historischen Nationalmuseums und des Kulturpalastes dominiert noch heute den Skanderbeg-Platz. Auch dieser selbst wurde immer wieder anders genutzt und dementsprechend umgestaltet: Als riesige Fläche für politische Kundgebungen, als schlichte Rasenfläche, als zentraler Verkehrsknotenpunkt und schließlich als Fußgängerzone und sozialer Treffpunkt – das Herz der Stadt hat schon viele Veränderungen durchgemacht.

Diese Aufnahme aus dem Archiv der Marubi zeigt den Skanderbeg-Platz im Jahr 1938.

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Foto: Marubi National Museum of Photography / Alina Neumann

Tirana 2030 – Traum oder Wirklichkeit?

Seit Juni 2017 ist der Skanderbeg-Platz nun eine weite, mit Steinen aus allen Regionen Albaniens gepflasterte Fläche – umgeben von Ministerien, Protzbauten und kleinen grünen Oasen, die das monotone Grau auflockern sollen. Bürgermeister Erion Veliajs Vision von einem autofreien Skanderbeg-Platz ging somit in Erfüllung, Fahrzeuge sieht man nun lediglich in der riesigen Tiefgarage, die sich unter dem Areal befindet. „Wir haben den verkehrsreichsten Ort Tiranas in den belebtesten Platz der Stadt verwandelt“, zeigt sich Veliaj zufrieden.

Die aufwendige Umgestaltung des Platzes, die etwa 13 Millionen Euro gekostet haben soll, ist Teil des Projektes Tirana 2030, eines umfassenden Plans zur Stadtentwicklung. Bereits Edi Rama, von 2000 bis 2011 Bürgermeister der Hauptstadt, brachte ähnliche Ideen ein. Erion Veliaj, der seit 2015 im Amt ist, setzte diese schließlich um. Kreativer Kopf hinter den aktuellen Plänen ist der italienische Stararchitekt Stefano Boeri, der als Sieger aus dem internationalen Wettbewerb hervorging. Im Fokus seines Konzepts steht die Schaffung von mehr Grünflächen und öffentlich nutzbarem Raum sowie die Verbesserung der Infrastruktur. Dies betrifft besonders die Vororte, die mehr Eigenständigkeit entwickeln und das Zentrum dadurch entlasten sollen. Derzeit sind 13 konkrete Projekte geplant. Dazu zählt beispielsweise die Errichtung eines sogenannten „vierten, grünen Ringes“ rund um die Stadt, der Möglichkeiten zur Naherholung bieten und gleichzeitig den Fluss des öffentlichen Verkehrs optimieren könnte. Auch der Bau von 20 öffentlichen Schulen ist vorgesehen.

Die vielversprechenden Pläne stoßen nichtsdestotrotz auf Kritik: Die Höhe der vorhergesehenen Investitionen ist nicht genau bekannt, diese dürften aber mehrere Millionen Euro ausmachen. Auch für Tiranas Vororte gab es in jüngster Zeit genaue Bebauungspläne und Vorschriften, geändert hat das an den chaotischen Zuständen aber kaum etwas. Das liegt einerseits an Korruption, die viele der Pläne untergräbt, andererseits an den teilweise unrealistischen Vorstellungen der Planer. Der suburbane Raum bietet derzeit kaum Arbeitsplätze und Infrastruktur, der Pendlerverkehr ins Stadtzentrum bleibt deshalb weiterhin fixer Bestandteil des Alltags.

Es bleibt abzuwarten, ob sich die Vorhaben im Rahmen von Tirana 2030 nicht als Versprechen entpuppen, die jahrelang auf ihre Umsetzung warten müssen. Denn Bauruinen gibt es in Tirana bereits genug zu bewundern: Bekanntestes Beispiel dafür ist die sogenannte Enver-Hoxha-Pyramide. Das ursprünglich als Museum zu Ehren des ehemaligen Staatsoberhaupts geplante Gebäude fristet schon seit knapp zehn Jahren ein tristes, dem Verfall ausgesetztes Dasein ohne Funktion. Der Abriss wurde dennoch verhindert, derzeitige Pläne sehen die Umwandlung in ein Jugendzentrum vor. Wann damit begonnen wird, ist – wie vieles andere in der Stadtentwicklung Tiranas – aber noch unklar.

Momentan erschein die Enver-Hoxha-Pyramide wie ein riesiger Abenteuerspielplatz.

Künftig soll Albaniens Jugend nicht nur auf dem Dach der verfallenden Pyramide toben, sondern auch unter ihrem Dach lernen können. Foto: Julia Putzger.

Text: Julia Putzger

 

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