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Kruja: Die Heimat der Kastrioten


Ein Basar, eine Burgruine und zwei Museen – das ist Kruja. Die Stadt zeigt, wie touristisch Albanien sein kann und wie ein vor 500 Jahren verstorbener Fürst auch heute noch Albaniens Bevölkerung beeinflusst.

„Kruja? Kruja?“, der Fahrer wird ungeduldig. Schon längst hätte er losfahren sollen, doch noch ist sein Furgon nicht voll. Als Gemeinschaftstaxi bringen Furgons – meistens alte Mercedes-Busse – Albaniens Bevölkerung kostengünstig von A nach B. Vereinzelt nutzen auch Touristen die Transportmöglichkeit. Um von Tirana nach Kruja zu gelangen, ist der Furgon die beste Wahl. Zwar gibt es auch Linienbusse nach Kruja – diese fahren jedoch nur unregelmäßig, alle paar Stunden, und sind in der Regel teurer. Die Furgon-Fahrt nach Kruja kostet umgerechnet nicht einmal einen Euro. Immer wieder lehnt sich der Fahrer aus seinem Fenster und versucht, durch Rufen, weitere Fahrgäste zu gewinnen. Tatsächlich steigen noch zwei junge Männer ein. Der Taxifahrer ist zufrieden. Endlich kann er nach Kruja aufbrechen.

Unser Redakteur Markus auf dem Weg, die Kruja zu entdecken.

Der Furgon ist eine Art Gemeinschaftstaxi und vor allem für seinen günstigen Preis beliebt. Foto: Markus Röck

Hoch in den Skanderbeg-Bergen

Kruja liegt etwa 45 Autominuten nördlich von Tirana und hat knapp 10.000 Einwohner. Die Stadt wurde auf einem Steilhang am Fuße der sogenannten Skanderbeg-Berge errichtet und bietet auf einer Seehöhe von 400 bis 600 Meter eine gute Sicht auf die umliegende Landschaft des nördlichen Mittelalbaniens. Die Straße, die nach Kruja führt, ist kurvig und steil. Der Fahrer des Furgons – er spricht Deutsch – wagt sich mehrmals täglich in die Stadt. Das Chauffieren von Einheimischen und Touristen ist seine Haupteinnahmequelle. Deutsch habe er von seiner Frau Astrid gelernt, erzählt er während der Fahrt. Sie lebe mit seinen Kindern in Deutschland, in der Nähe von Dortmund. Der Fahrer selbst wohnt hier in Tirana. „Negativer Asylbescheid“, sagt er. Albanien ist in Deutschland als sicheres Herkunftsland eingestuft. Für Albaner bedeutet das, dass sie kaum Chancen haben, in Österreichs Nachbarland Asyl zu bekommen.

Ausblick über Kruja, der ehemaligen Hauptstadt von Arbanon, dem Vorläufer Albaniens

Kruja war im Mittelalter die Hauptstadt des Fürstentums Arbanon, dem Vorläufer Albaniens. Foto: Markus Röck

Eine Stunde braucht der Fahrer, der seinen Namen nicht verraten will, um sich und seine Passagiere im Furgon durch den Verkehrsdschungel in Tiranas Innenstadt und den Berg hinauf nach Kruja zu schleppen. Kurz vor dem Hotel Grand, mitten in der Stadt, ist die Endstation erreicht. Noch ist in Kruja nicht viel los. In den verwinkelten Straßen der Stadt sind nur vereinzelt Touristen anzutreffen, darunter eine Reisegruppe aus Japan. Zwar sei rund um die Mittagszeit auch jetzt schon viel los, den richtigen Touristenansturm erwarte man aber erst in den Sommermonaten. „Es kommen vor allem albanische Touristen. Kruja ist aber auch bei Gästen aus Polen und Deutschland beliebt“, sagt Mehdi Hafizi. Seit 1991 leitet er das Ethnographishe Museum Krujas und das Skanderbeg-Museum, das Albaniens Nationalhelden gewidmet ist. Beide Museen wurden zwischen den Ruinen der Festung Kruja errichtet. Die Festung war einst das Zentrum von Skanderbegs Wirken. Von den meisten Reiseführern wird sie als Albaniens Nationalheiligtum bezeichnet.

Mehdi Hafizi ist seit 1991 Direktor von Krujas Skanderbeg-Museum.

Mehdi Hafizi ist seit 1991 Direktor von Krujas Skanderbeg-Museum. Foto: Markus Röck

Personenkult statt Religion

„Skanderbeg ist einer der größten Helden – nicht nur von Albanien, sondern von ganz Europa“, sagt Hafizi. Bekannt wurde Georg Kastriota Skanderbeg – so sein voller Name – durch die Verteidigung Albaniens gegen das Osmanische Reich im 15. Jahrhundert. Von 1443 bis zu seinem Tod 1468 leistete er dem Osmanischen Heer erbitterten Widerstand. Kruja – zu dieser Zeit die Hauptstadt von Skanderbegs Fürstentum – wurde drei Mal erfolglos von den Osmanen belagert. Erst nach Skanderbegs Tod konnten sie die Stadt und damit ganz Albanien erobern und weiter nach Europa vorrücken. Skanderbegs Taten fanden in Europa großen Zuspruch. Papst Calixtus III. nannte ihn „Athleta Christi“, den Verteidiger des Christentums. In vielen Städten – zum Beispiel in Skopje, Pristina, Tirana und Rom, aber auch in Kruja selbst – gibt es Plätze, die seinen Namen tragen und Statuen, die ihm zu Ehren errichtet wurden.

Die Statue von Skanderberg in Kruja

Statuen von Skanderbeg gibt es in Rom, Tirana, Pristina und seit Kurzem auch in Budapest. Foto: Markus Röck

Auch in der Zeit der kommunistischen Diktatur wusste man den Ruhm Skanderbegs zu nutzen. Skanderbegs Leben als Befreiungskämpfer wurde dem Enver Hoxhas gleichgesetzt, der im Zweiten Weltkrieg als Partisan gekämpft hatte. Denkmäler und Monumentalbauten entstanden, um Skanderbeg zu ehren und einen Ersatz für die zu dieser Zeit verbotene Religionsausübung zu bieten. Dazu gehört neben der Skanderbeg-Gedenkstätte an seinem Grab in Lezhe auch das Skanderbeg-Museum in Kruja, das 1982, drei Jahre vor Hoxhas Tod eröffnet wurde. Pranvera Hoxha, die Tochter des Diktators, entwarf das Gebäude, das in seinem pompösen Erscheinungsbild einer historischen Burg nachempfunden ist. Im Inneren des Museums sind monumentale realsozialistische Kunstwerke – sie stellen das Leben und Wirken Skanderbegs dar – und auch andere Exponate rund um den albanischen Helden, wie etwa historische Karten und Waffen ausgestellt. Auch Kopien von Skanderbegs Helm und Schwert gibt es im Museum zu besichtigen. Die Originale sind im Kunsthistorischen Museum in Wien ausgestellt. Im letzten Jahr haben mehr als 100.000 Touristen das Museum besichtigt. In der Vergangenheit sei auch schon Österreichs ehemaliger Bundespräsident, Heinz Fischer, zu Besuch gewesen, wie Hafizi stolz verkündet. „Wir behandeln die ausgestellten Werke als einen Teil unserer Geschichte und weisen auch darauf hin, dass sie während der Hoxha-Diktatur entstanden sind“, sagt der Museumsdirektor. Er sei glücklich, dass die Besucher wegen Skanderbeg kämen und nicht wegen des Kommunismus‘.

Das Kanderbeg-Museum in Kruja

Das Skanderbeg-Museum wurde einer mittelalterlichen Trutzburg nachempfunden. Foto: Markus Röck

Tradition und Trödel

Und tatsächlich kommen die Besucher. Wenige Stunden sind vergangen, seit der Furgon wieder nach Tirana zurückgekehrt ist. Inzwischen haben sich die Straßen Krujas gefüllt. Auch am unebenen Kopfsteinpflaster von Krujas Derexhik-Basar tummeln sich die Menschen. Die Basarstraße ist Krujas zweite Sehenswürdigkeit und profitiert ebenfalls vom Mythos Skanderbeg. Dutzende Souvenirverkäufer haben sich hier niedergelassen. Sie verkaufen neben albanischer Kleinkunst und traditionell hergestellten Handwerksgegenständen auch jede Menge Ramsch. Kaffeebecher mit dem Abbild Hoxhas gehören hier ebenso dazu wie Fahnen, T-Shirts oder Schweißbänder mit Albaniens Doppeladler, dem Wappen Skanderbegs. Doch das war nicht immer so. Entstanden unter der Herrschaft der Osmanen, war der Basar einst ein Ort, in dem Krujas Bevölkerung Dinge des täglichen Gebrauchs erhielt. Um 1900 soll es rund 150 Läden gegeben haben, ehe dann nach und nach der wirtschaftliche Niedergang des Basars kam.

Der Derexhik-Basar in Kruja.

Der Derexhik-Basar in Kruja erhielt sein heutiges Aussehen im Jahr 2015. Foto: Roman Wagner

Erst unter Enver Hoxha sollte der Basar wieder neu aufblühen. Albaniens Diktator ließ die Einkaufsstraße in den 1960ern wieder nach traditionellem osmanischen Vorbild aufbauen, nachdem sie im Laufe der Jahre zu einer schlammigen Straße verkommen war. Sein Ziel war es, einen Ort für Touristen und einen Ort zur Verehrung Skanderbegs zu schaffen. Zumindest das ist ihm scheinbar auch gelungen. Inzwischen gibt es wieder rund 50 Läden in Krujas Basar. In einem dieser Läden verkaufen Rezart und seine Frau Daline ihre Waren. Fast bis an die Decke ist der Laden mit Teppichen gefüllt. In der Ecke stehen drei Webstühle, an denen gearbeitet wird. Wie viele andere Souvenirverkäufer fertigen Rezart und Daline Teppiche und Taschen, nach traditionellem Vorbild und direkt vor Ort. Auch Silberschmuck verkaufen sie – und das schon seit 25 Jahren. Wer ihnen irgendwann nachfolgen wird, ist unklar. Ihre Tochter Odeta arbeitet in Tirana. Ob sie das Geschäft ihrer Eltern einmal übernehmen wird, wissen die beiden nicht, doch dass sich der Tourismus in den nächsten Jahren noch verstärken werde, da sind sie sich sicher. Der Hauptgrund dafür ist wohl der Mythos Skanderbeg, der zumindest in Albanien auch nach 500 Jahren nichts von seiner Beliebtheit eingebüßt hat: Wir sind froh, dass es Skanderbeg gegeben hat. Ohne ihn gäbe es hier keinen Tourismus und ohne Tourismus hätten wir keine Kundschaft.“

Rezart kümmert sich in seinem Laden um das Geschäftliche. Seine Frau webt die Teppiche.

Rezart kümmert sich in seinem Laden um das Geschäftliche. Seine Frau webt die Teppiche. Foto: Markus Röck

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