Scroll to top

Das Marubi-Museum: Zeugnis einer vergessenen Zeit


Das Marubi-Museum in Shkodra ist das erste Fotografie-Museum in Albanien. Über eine halbe Million historischer Fotografien der Marubi-Dynastie dringen damit an die Öffentlichkeit. Sie sind Zeugnisse eines bisher unbekannten Kapitels albanischer Geschichte.

Nicht umsonst ist Shkodra als das kulturelle Zentrum Albaniens bekannt. Viele Persönlichkeiten aus der albanischen Kunst- und Kulturszene, wie etwa der Schriftsteller Pashko Vasa oder der Dichter Migjeni stammen aus der historischen Stadt im Norden. Ein weiterer Vertreter ist der Fotograf Pietro Marubi. Kurz nach der Erfindung der Fotografie schoss er 1856 das erste Foto in Albanien und machte Shkodra somit zur Wiege der albanischen Fotografie. 2016 wurde hier das Marubi-Museum eröffnet, womit das künstlerische Erbe von Pietro und seinen Söhnen erstmals an die Öffentlichkeit gelangte. Ihr Werk dokumentiert über einen Zeitraum von 100 Jahren beinahe lückenlos die albanische Lebenswelt im 19. und 20. Jahrhundert.

„Ich habe von Pietro Marubi in der Schule gehört, allerdings wird er in den Kunstbüchern nur nebensächlich erwähnt”, sagt Lucjan Bedeni. Als der heute 30-Jährige 2012 durch Zufall zum ersten Mal über das Marubi-Archiv mit über 500.000 Glasnegativen stolperte, wusste er, dass er diesen kostbaren Schatz für die Öffentlichkeit zugänglich machen musste. Wo heute Fotoausstellungen der Marubis stattfinden, stapelten sich früher Glasnegative in Boxen, ohne genutzt zu werden. Zusammen mit dem albanischen Kulturministerium und anderen Institutionen entwickelte Bedeni einen Plan zur Neugestaltung. Zwischen seiner anfänglichen Vision und der schlussendlichen Umsetzung des Projektes stand allerdings sehr viel Arbeit.

Begonnen hat Bedeni damit, das gesamte Archiv zu renovieren. Das alte Gebäude, in dem das Archiv untergebracht ist, war in einem schlechten Zustand. Zu hohe Temperaturunterschiede bedrohten die wertvollen Glasnegative. Nach der Renovierung des Gebäudes musste Bedeni tausende Fotografien katalogisieren, bevor er sie digitalisieren und auf der offiziellen Website veröffentlichen konnte. Dabei kam zum Vorschein, dass allein 120.000 der Fotografien von den Marubis stammen. Alle anderen wurden von ihren Schülern gemacht. Wie durch ein Wunder blieb die gesamte Sammlung über mehr als 150 Jahre in einem guten Zustand erhalten. „Die Bewohner haben ihre Großmütter und Großväter in den Bildern wiedererkannt. Wir haben sehr viele positive Rückmeldungen bekommen“, sagt Bedeni. Seit der Eröffnung 2016 ist er der Direktor des Marubi-Museums.

Lucjan Bedeni, Direktor des Marubi-Museums

Lucian Bedeni studierte an der Kunstuniversität in Tirana, bevor er Direktor des Marubi-Museums wurde. Foto: Alina Neumann

Das fotografische Erbe der Marubi-Dynastie

Pietro Marubi, einst ein Anhänger des italienischen Freiheitskämpfers Giuseppe Garibaldi, floh Mitte des 19. Jahrhunderts aus politischen Gründen aus seiner Heimat Italien, nachdem diese von Österreich besetzt wurde. Er reiste durch Griechenland, Kroatien und Montenegro, bevor er sich schließlich in Albanien niederließ und in Shkodra sein erstes Fotostudio eröffnete. Zu dieser Zeit war die Stadt Teil des Osmanischen Reiches und galt bereits als kulturelles Zentrum. Fortan kamen sämtliche Herrscher in ihren traditionellen Kostümen in Marubis Studio – eines der ersten Fotostudios im gesamten Osmanischen Reich – um sich ablichten zu lassen. Auch außerhalb seines Studios hielt Marubi wichtige historische Ereignisse, wie den Aufstand in Mirdita 1876, bei dem sich der nordalbanische Stamm der Mirditen gegen das Osmanische Reich auflehnte, fotografisch fest. Seine Fotografien machten Pietro Marubi bis über die Landesgrenzen hinaus bekannt und wurden unter anderem in Großbritannien und Frankreich abgedruckt.

Weil sie selbst kinderlos blieben, adoptierten Pietro Marubi und seine Frau den jungen Kel Kodheli, der das Fotostudio seines Adoptivvaters erfolgreich fortführte und ebenfalls den Namen Marubi annahm. Neben politischen Persönlichkeiten Albaniens – zum Beispiel der albanische Fürst Wilhelm zu Wied oder dem damaligen albanischen Präsidenten Ahment Zogu – und der reichen Oberschicht fotografierte Kel Marubi auch das einfache Volk und arme Menschen, wie Bettler auf der Straße. Zudem erlebte er die Unabhängigkeit Albaniens von den Türken im Jahre 1912 mit. Seine gesamte Familie arbeitete im Fotostudio. Einer seiner Söhne, Gegë Marubi, führte das Studio schließlich in der dritten Generation fort, bis die Kommunisten 1944 die Macht übernahmen und viele kulturelle Institutionen, darunter auch das Studio der Marubis, verstaatlichen ließen. Jede Fotografie wurde unter Hoxha streng überwacht und zu Propagandazwecken missbraucht. Gegë Marubi schloss das Studio daher 1946 und beendete 1952 seine Arbeit als Fotograf. Das Fotoarchiv vermachte Marubi in den 70ern dem albanischen Staat. Er starb 1984. Seine einzige Tochter führte die Familientradition nicht weiter.

„Die Marubi-Dynastie hat über drei Generationen fast ein gesamtes Jahrhundert dokumentiert – von Pietros ersten Fotografien in seinem Hinterhof bis hin zu politischen Machthabern des Osmanischen Reiches und armen Leuten in den Bergen“, sagt Bedeni. Einen Auszug der Fotografien sowie originale Korrespondenzen und Kameras können die Besucher heute im Marubi-Museum betrachten. „Wir finden immer wieder etwas Neues in der riesigen Sammlung“, sagt Bedeni. Aus diesem Grund recherchieren Künstler, Historiker, Soziologen und Philosophen aus aller Welt im Archiv der Marubis, um neue Aspekte zu finden und eigene Ausstellungen zu kuratieren. Damit bringen sie ein bislang unbekanntes Kapitel der Fotografie auch in andere Länder und sind Botschafter der albanischen Kultur.

Pietro Marubi im Selbstportrait. Er war nicht nur Fotograf, sondern auch Maler, Bildhauer und Architekt.

Bild 1 von 7

Foto: Alina Neumann

Related posts

Post a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

zwei × 1 =