Scroll to top

ICAR Canned Beef: Von Wundheilung und Fleischkonserven


In Sarajevo gibt es unzählige Denkmäler. Sie erinnern an Attentate und Helden – und auch an 340 Gramm angeblich verdorbenes Rindfleisch.

„I don’t know“. Diesen Satz bekommt man oft als erste Antwort von verwunderten Taxifahrern, Passanten oder Reiseführern zu hören, wenn man in Sarajevo fragt, was das Canned Beef-Monument sei oder wo es sich befinde. Möglicherweise, weil der tatsächliche Anblick des Monumentes heute wenig hermacht. Die einen Meter hohe Skulptur, die eine goldene Konservendose der italienischen Firma ICAR darstellen soll, ist dem Verfall preisgegeben. Der goldene Lack blättert ab, das Kunstwerk ist mit Graffiti beschmiert. Tatsächlich scheint es, dass das wohl kurioseste Monument der bosnischen Hauptstadt und mit ihm ein Teil des Bosnienkriegs in Vergessenheit geraten ist.

Das Canned Beef-Monument hat 340 Gramm Dosenrindfleisch dargestellt. Heute verfällt es. Foto: Roman Wagner

Die dankbaren Bürger Sarajevos

Das ICAR Canned Beef-Monument – so sein voller Name – wurde im Jahr 2007 enthüllt. Das Werk des bosnischen Künstlers Nebojsa Seric Shoba befindet sich im Park zwischen dem bosnischen Nationalmuseum und dem historischen Museum des Landes. Auf der Rückseite der Skulptur ist die für solche Dosen typische Zutatenliste angebracht, an der Frontseite prangt das Wappen der Europäischen Union. Die auf Bosnisch verfasste Aufschrift, die am Sockel steht, lautet übersetzt: „Das Monument für die Internationale Gemeinschaft von den dankbaren Einwohnern Sarajevos“. Der Satz ist ironisch gemeint und spielt auf die mangelnde Hilfe der internationalen Gemeinschaft während der Belagerung von Sarajevo von 1992 bis 1996 an, bei der auch Shoba selbst zur Verteidigung der Stadt eingezogen wurde.

1992, zu Beginn des Bosnienkrieges, hatte Bosnien und Herzegowina dem zerfallenden Jugoslawien die Unabhängigkeit erklärt. Gemeinsam mit der Armee der bosnischen Serben kesselte die Jugoslawische Volksarmee die Stadt ein, um Bosnien und Herzegowina im jugoslawischen Staatsverband zu halten. 1.425 Tage dauerte der Konflikt. Er gilt als die längste Belagerung des 20. Jahrhunderts. In dieser Zeit wurde Sarajevo regelmäßig von den Belagerern, die ihre Artilleriestellungen in den Hügeln rund um Sarajevo errichtet hatten, beschossen. „Macht sie wahnsinnig!“, soll Ratko Mladić, der damalige Kommandant der Serben, seinen Soldaten im Zuge der Belagerung befohlen haben. Die in Hochhäusern postierten Heckenschützen attackierten gezielt die Zivilbevölkerung der Stadt. Der von Mladić proklamierte „Wahnsinn” wurde Realität. Schätzungen zufolge fanden mehr als 10.000 Menschen den Tod. Fast 60.000 Menschen wurden verletzt und zehntausende von Gebäuden wurden zerstört.

Es wurden 126.000 Tonnen an Lebensmitteln abgeworfen. Darunter auch die ICAR-Dosen. Foto: Roman Wagner

Vier Jahre Belagerung, vier Jahre ICAR-Dosen

In der fast vierjährigen Belagerung, die erst durch ein Eingreifen der westlichen Staaten endete, war die Bevölkerung Sarajevos von der Außenwelt abgeschnitten. Ohne Wasser, ohne Strom und ohne Lebensmittel musste sie in Sarajevo ausharren. Erst durch einen Versorgungstunnel 1993 und eine Luftbrücke, die von 1992 bis zum Jänner 1996 bestand und von Deutschland, Frankreich, den USA, Kanada und Großbritannien initiiert wurde, konnten Lebensmittel, Medizin und andere Versorgungsgüter nach Sarajevo geschafft werden. Das ICAR-Dosenfleisch war Teil der Versorgungspakete. Oft war es in einem bedenklichen Zustand. „Hunde und Katzen wollten das Fleisch nicht essen. Wir mussten es tun“, sagte Dunja Blazevic vom Sarajevoer Zentrum für zeitgenössische Kunst 2007 in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. Angeblich sollen unter den Rationen Dosen gewesen sein, die bereits 20 Jahre zuvor – zu Zeiten des Vietnamkrieges – abgelaufen waren.

Nach dem Ende der Belagerung vergingen elf Jahre, bis die Enttäuschung, die die Einwohner Sarajevos gegenüber der Internationalen Gemeinschaft empfanden, im Canned Beef-Monument Ausdruck fand. Ein Sinnbild dafür, dass auch nach über einem Jahrzehnt des Wiederaufbaus die Wunden des Bosnienkrieges noch offen waren. Mladić, der auch für das Massaker von Srebrenica traurige Berühmtheit erlangte, war im Jahr der Monumententhüllung immer noch auf freiem Fuß. In Sarajevo, das zwar großteils wiederaufgebaut war, gab es vereinzelt immer noch Ruinen.

Einige davon sind bis heute geblieben. Mladic ist inzwischen gefasst und wurde 2017 für seine Verbrechen zur Verantwortung gezogen. Das Canned Beef-Monument ist indes in Vergessenheit geraten. Es verfällt, während Sarajevos Wunden langsam heilen.

Post a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

3 × vier =