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Protest auf Albanisch


Für Demonstrationen gab es im kommunistischen Regime Enver Hoxhas keinen Platz – und das prägt Albaniens Bevölkerung bis heute. Ein Interview über fehlende Protestkultur, meisterhafte Kommunikation und Beton in Tirana.

Redi Muci ist Aktivist der Studierendenbewegung Organizata Politike, die sich öffentlichkeitswirksam für gleichen Zugang zu Bildung und faire Arbeitsverhältnisse in Albanien einsetzt. Der Geoinformatiker der Technischen Universität Tirana ist dabei ein Beispiel für die junge Generation, die ihr Glück nicht im Ausland sucht, sondern aktiv und mit lautstarken Protesten versucht das eigene Land zu verändern.

Redi Muci ist Aktivist der Bewegung Organizata Politike. Foto: Michael Sommer

Postcards from Albania: Bekannt geworden ist Organizata Politike, weil ihre Mitglieder Eier auf den Premierminister geworfen und die Bildungsministerin mit Tomatensauce bespritzt haben. Wo aber liegt der Ursprung der Organisation?

Redi Muci: Begonnen hat Organizata Politike tatsächlich nicht als Studierendenbewegung. Im Jänner 2011 gab es in Albanien einen großen Skandal rund um den heutigen Präsidenten Ilir Meta. Es tauchte ein Video auf, in dem zu sehen war, wie der Politiker Bestechungsgelder angenommen hatte. Daraufhin hat die heute regierende Sozialistische Partei einen groß angelegten Protest organisiert, bei dem es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und einigen Demonstranten kam – vier Menschen wurden dabei getötet.

Wie hat die albanische Bevölkerung auf diese Eskalation reagiert?

Dass die Polizei vier unbewaffnete Menschen erschossen hatte, die Teil einer protestierenden Menge waren, führte zu einem großen Aufschrei im Land. Damit begann in Albanien erst eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Recht zu demonstrieren. Plötzlich wurde darüber gesprochen, dass es in einer freien Gesellschaft möglich sein müsste, seine Meinung zu sagen – auch gegen den Willen der Regierung. Um diesen Prozess zu fördern, haben sich schließlich einige Studierende zusammengeschlossen.

Eine politisch linke Bewegung in einem Land, das noch heute unter seiner kommunistischen Vergangenheit leidet. Wie funktioniert das?

Mit unserer Geschichte ist es natürlich nicht ganz einfach, eine politisch linksgerichtete Organisation zu gründen und Menschen für die eigene Sache zu begeistern. Schlicht, weil man automatisch mit der Vergangenheit und dem Regime Enver Hoxhas in Verbindung gebracht wird. Ich war selbst als Student Teil der Proteste gegen Ilir Meta. Nicht weil irgendeine Organisation dazu aufgerufen hatte, sondern weil es mir persönlich wichtig war. Im Laufe der Zeit wurden dann über Facebook weitere Veranstaltungen organisiert – und so entstand schließlich Schritt für Schritt eine Bewegung.

Denkt man an die jahrelange Unterdrückung durch das Regime Enver Hoxhas, stellt sich die Frage: Ist es in Albanien schwieriger als anderswo, die Bevölkerung zu mobilisieren?

Auf jeden Fall, so etwas wie eine Protestkultur gibt es nicht. Die Menschen müssen erst lernen aufzustehen und ihre Rechte einzufordern. Wir kämpfen für gleichen Zugang zu Bildung und faire Arbeitsverhältnisse und versuchen mit Kampagnen und Aktionen diesen Themen Aufmerksamkeit zu verschaffen. Circa 20.000 junge Albaner arbeiten aktuell beispielsweise in Call Centern. Es ist oft die einzige Arbeit, die sie bekommen – selbst wenn sie studiert und einen Universitätsabschluss in der Tasche haben. Andere Perspektiven fehlen. Das ist der Grund, weshalb vor allem die junge Generation ihr Glück oftmals im Ausland sucht. Schon in den Nachbarländern finden sie bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne vor.

Redi Muci im Gespräch

Redi Muci ist Geoinformatiker an der TU Tirana. Foto: Michael Sommer

Wäre ein möglicher Beitritt zur Europäischen Union eine Antwort auf die fehlenden Perspektiven im Land?

Die Sache ist: Vielen Menschen wird irgendwann bewusst, dass sie woanders einen höheren Lebensstandard erreichen können. Bis vor einigen Jahren war das Problem dabei die fehlende Visafreiheit. Inzwischen ist das Ausreisen aus Albanien und das Einreisen in andere Länder kein Problem mehr. Glaubt man den Statistiken, ist eine Mehrheit der Bevölkerung dennoch für einen EU-Beitritt. Was sich die meisten davon erwarten, ist vor allem mehr Geld. Das Durchschnittseinkommen in Albanien liegt etwa bei circa 300 Euro im Monat – viele Menschen leben jedoch von einem Lohn, der noch deutlich darunter liegt. Was ein EU-Beitritt tatsächlich für Albanien bedeuten würde, wird allerdings gar nicht diskutiert.

Auf welche Art und Weise haben sich Albanien und insbesondere Tirana in den letzten Jahren verändert?

Premierminister Edi Rama präsentiert sich in den Medien als großer Innovator – und exakt dasselbe macht der Bürgermeister von Tirana: Beide wollen Quereinsteiger sein, die in die Politik gegangen sind, um zu ändern, wie das System funktioniert. Mit Sicherheit sind sie Meister der Kommunikation, aber wie effektiv sie ihre Arbeit machen, ist schwer zu beurteilen. Es gibt jedenfalls immer mehr Leute, die die Fernsehauftritte von Erion Veliaj inzwischen für einen Witz halten. Es vergeht kaum ein Tag, an dem man ihn nicht irgendwo eigenhändig einen Baum pflanzen sieht. Er ist mit dem Versprechen angetreten, die Stadt grüner zu machen, die Wirklichkeit ist aber eine andere.

Wie sieht die Wirklichkeit aus?

Bevor er Bürgermeister von Tirana wurde, hat Veliaj die vielen Betonbauten zum größten Problem der Stadt erklärt und versprochen, dass kein einziges mehr dazu kommen werde. Was tatsächlich passiert ist, ist dass die Anzahl an Bauprojekten unter seiner Regierung regelrecht explodiert ist: mehr als 300 Beton-Gebäude entstehen aktuell oder sind gerade in Planung. Das genaue Gegenteil ist, was er den Medien verkauft: Eine grüne Stadt, in der der Bürgermeister selbst die Bäume pflanzt.

Und von den hier lebenden Menschen gibt es keine Proteste gegen diese Baupolitik?

In Tirana wird zumindest darüber geredet. Die Leute, die die Hauptstadt meistens nur im Fernsehen sehen, bekommen nicht wirklich mit, was tatsächlich passiert. Es gibt hier seitens der Regierung beispielsweise eine Agenda, die „PPP“ genannt wird und für „Private-Public-Partnership“ steht. Ein gegenwärtiges Beispiel dafür ist das Gebäude des Nationaltheaters: Es soll abgerissen werden, um ein neues zu bauen. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Zwei Drittels des Areals, auf dem das Nationaltheater im Moment steht, sollen an private Investoren verkauft werden. Auf diese Art und Weise geht ein großer Teil der öffentlichen Flächen verloren – und die Bevölkerung wird mit neuen Gebäuden getröstet, während ihr dafür Platz weggenommen wird, der eigentlich ihr gehört.

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Pirmin Steiner

Die Wahrheit ist: Wo Satzzeichen im Rudel leben, steht die Welt am Abgrund.

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