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„Site of Witness and Memory“: Gedenken an die Opfer des Kommunismus


In Shkodra, der Hochburg des Widerstands, beginnt Albanien, sich seiner kommunistischen Vergangenheit zu stellen. 23 Jahre hatte es gedauert, bis die Bevölkerung zum ersten Mal das Gefängnis der staatlichen Geheimpolizei betreten durfte.

„Wenn wir uns nicht an die Vergangenheit erinnern, sind wir dazu verdammt, sie zu wiederholen”, sagt Pjerin Mirdita und zitiert damit einen spanischen Philosophen aus dem 20. Jahrhundert. Er selbst befasst sich intensiv mit der Vergangenheit Albaniens, denn er ist der Direktor des Site of Witness and MemoryMuseums – zu Deutsch „Ort des Zeugnisses und Erinnerns” – in Shkodra. Das Museum wurde 2014 mit der Unterstützung des Instituts für Demokratie, Medien und Kultur eröffnet und ist die erste Erinnerungsstätte Albaniens, die der Opfer des Regimes von Enver Hoxha gedenkt und die Foltermethoden der Geheimpolizei „Sigurimi“ für die Öffentlichkeit sichtbar macht. In der Zeit des Kommunismus waren die Mitarbeiter der Sigurimi Hoxhas Spione, Polizisten und Gefängniswärter – vergleichbar mit der „Stasi” (Staatssicherheitspolizei) in der DDR.

Pjerin Mirdita, der Direkror des Site of Whitness and Memory Museums im Gespräch

„Wir müssen die Albaner aufklären, damit sich ihre Geschichte niemals wiederholen wird”, sagt Pjerin Mirdita. Foto: Julia Putzger

Früher Sigurimi-Gefängnis, heute Museum

Im heutigen Museum lag noch vor 23 Jahren das Hauptquartier der Sigurimi. „Jeder in der Stadt Shkodra hat seine Geschichte mit diesem Haus“, erklärt Mirdita. Aus Angst vor der Geheimpolizei wechselten die Bewohner während des Kommunismus die Straßenseite. Auch heute fürchteten sich die Menschen noch davor, dem Gebäude und den damit verbundenen schmerzlichen Erinnerungen ins Auge zu blicken, meint der Historiker. Der Aufarbeitungsprozess sei noch immer im Gange.

Über zwei Stockwerke verteilt, befanden sich im hinteren Teil des Hauses 29 Gefängniszellen. „Loch“ nannten die Gefangenen ihr knapp zwei Quadratmeter großes Verließ aus kaltem Beton. Die winzige Größe, die modrige Luft und das wenige Licht, das durch die schmalen, vergitterten Fenster scheint – all das können die Besucher des Site of Witness and Memory-Museums heute nacherleben. In der dreißigsten Zelle folterten die Wärter der Sigurimi ihre Gefangenen, um sie zu – oftmals unwahren – Geständnissen zu bewegen. Das Museum bietet heute die Möglichkeit, die grausamen Folterpraktiken der Sigurimi nachzulesen. Außerdem können die Museumsbesucher persönliche Gegenstände der ehemaligen Gefangenen, wie Briefe und Zigarettenpackungen, besichtigen.

Im vorderen Teil des Museums hängen Dutzende schwarz-weiße Portraits von den Opfern an den Wänden. Historiker wie Mirdita suchen immer noch nach weiteren ehemaligen Gefangenen. Fast 35.000 Albaner hielt die Sigurimi fest, rund 1.000 mussten mit ihrem Leben dafür bezahlen. In diesem Teil der Site of Witness and Memory wird außerdem die vielseitige Geschichte des Hauses erklärt: Bevor die Kommunisten das Gebäude 1946 beschlagnahmten, gehörte das Haus der Familie Rrakacolli, 1918 verwandelte es die Stadt in ein Krankenhaus, 1930 kaufte der Franziskanerorden den Besitz und etablierte eine Schule darin. Nach dem Fall des Kommunismus diente das Haus von 1991 bis 2004 als Polizeiwache. Seit einer Restaurierung gehört das Grundstück bis heute dem Orden der „Schwestern von Sankt Clare“.

Vergangenheitsbewältigung in Shkodra und Albanien

Für Mirdita, der nicht nur Direktor des Museums Site of Witness and Memory ist, sondern auch Geschichte lehrt, ist es sehr wichtig, vor allem der jüngeren Generation Albaniens die Schrecken des Regimes zu erklären. „Die Jungen wissen so gut wie nichts über die Grausamkeiten von Hoxha“, meint Mirdita. Sie wüssten nicht, dass die Sigurimi rund 60.000 Menschen in Arbeitslager steckte und über 5000 Albaner exekutierte, oder dass in Shkodra der Protest gegen den Diktator seinen Anfang nahm, weshalb die Stadt auch als Hochburg des Widerstands bekannt ist.

Seiner Meinung nach klären die Geschichtsbücher nicht ausreichend darüber auf. Überdies schweigen die Älteren, die den Kommunismus selbst miterlebt haben, meist über diese Zeit. „Es tut zu sehr weh. Die Wunden sind noch offen, deshalb wollen sich viele Albaner nicht erinnern“, meint der Historiker. Gerade darum versuche er so vielen Schülern wie möglich das Museum zu zeigen. „Es ist auch ein Problem, dass viele diese Zeit beschönigen. Sie erinnern sich mit Nostalgie an Envers Diktatur.“ Denn immerhin hätten sie damals einen sicheren Arbeitsplatz gehabt.

In Mirditas Familie wird dank seinem Vater nichts verklärt. Ein Mitglied der Sigurimi erschoss seinen Großonkel. Die Exekution sei auch der Grund, warum Mirdita Geschichte studierte und sich intensiv mit der Vergangenheit Albaniens auseinandergesetzt hat. Der Museumsdirektor recherchierte die Biografie seines Großonkels: Nach dem zweiten Weltkrieg wollte jener als ehemaliger Kriegsgefangener aus Italien wieder in seine Heimat Albanien zurückkehren und Hoxha persönlich treffen. Er schrieb einen Brief an den Diktator Enver, diesen hat Mirdita heute noch zuhause liegen. Auf die Frage, ob die Sigurimi seinen Großonkel deshalb exekutierte, schüttelt der Historiker nur traurig mit dem Kopf und zuckt mit den Schultern. Doch eines weiß er ganz bestimmt: „Wir müssen den Opfern gedenken. Und wir müssen die Albaner aufklären, damit sich ihre Geschichte niemals wiederholen wird.“

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Tabea Krämer

Tanzt und lacht und schreibt. Und wenn sie nicht schreibt oder tanzt oder lacht, ist sie mit ihren Gedanken in Ghana.

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