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Mjaft! Als Albaniens Bürger ihre Rechte entdeckten


Zivilgesellschaftliches Engagement hat in Albanien einen schweren Stand. Während der kommunistischen Diktatur Enver Hoxhas war „Freiwilligkeit” mit Zwang verbunden. Mjaft! war vor 15 Jahren die erste NGO, die versucht hat, diese Einstellung zu ändern.

 

Mjaft! Logo

Erion Veliaj ist Mitbegründer und Designer des Logos von Mjaft!. © Lëvizja MJAFT!

Nach dem Zerfall des Kommunismus im Jahr 1991 kämpfte die junge Demokratie Albaniens mit alten Strukturen, politischer Unerfahrenheit und unmündigen Bürgern. Zahlreiche Probleme führten immer wieder zu Staatskrisen und bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen. Wie etwa 1997 beim „Lotterieaufstand”: nach dem Zusammenbruch eines schwindligen Kreditsystems, bei dem jeder dritte Albaner sein Erspartes verloren hatte. Im Jahr 2003 fanden schließlich Erion Veliaj, der jetzige Bürgermeister Tiranas (Sozialistische Partei, PS), Endri Fuga, Marinela Lika und Arbjan Mazniku, dass es reiche – und gründeten mit Mjaft! eine der einflussreichsten NGOs der jüngeren albanischen Geschichte.

Mjaft bedeutet auf Albanisch „genug”. „Wir wollten den damaligen Premierminister Fatos Nano zum Handeln zwingen und die politische Apathie der Albaner überwinden“, erklärt Aldo Merkoci, der aktuelle Direktor von Mjaft!. Probleme gab es genug: das Gesundheits- und Bildungssystem, wiederaufflammende Blutrache-Fehden, Menschenhandel, organisierte Kriminalität, Armut und Arbeitslosigkeit, fehlende Rechte für Frauen und gesellschaftliche Randgruppen, Umweltverschmutzung, kein Fortschritt bei den EU-Beitrittsverhandlungen und Korruption.

Erion Veliaj mobilisierte die Straße

Ursprünglich hatten Veliaj, der spätere Direktor von Mjaft!, und sein Team eine vier-monatige Protestaktion geplant. Auf der Webseite der NGO wird die von März bis Juli 2003 andauernde Kampagne als erfolgreichste und größte Sensibilisierungskampagne Albaniens bezeichnet. Mit oftmals satirischen Postern, TV- und Radiobeiträgen, gewaltfreien Demonstrationen und Straßentheatern erreichten die Aktivisten 2,5 bis 3 Millionen Albaner. Merkoci erinnert sich: „Als Fatos Nano wegen uns zurücktreten musste, erkannten wir, was für eine Macht die Zivilgesellschaft und die Medien haben.”

Aufgrund des Erfolges blieb es schließlich nicht bei den vier Monaten. Unter der Führung von Veliaj entwickelte sich Mjaft! zu einer der wichtigsten NGOs des Landes. Heute arbeiten im Büro in Tirana sechs Angestellte, dazu kommen zahlreiche freiwillige Mitarbeiter. Mjaft! will keine politische Opposition sein, sondern bezeichnet sich selbst als Bürgerrechtsbewegung. Sie will die Demokratie und das soziale Bewusstsein stärken und dadurch den Wohlstand im Land fördern. Beispielsweise durch die Kampagne „Une votoj!“, zu Deutsch „Ich wähle!“, die sich das Ziel gesetzt hat, mehr Bürger an die Wahlurnen zu bringen. „Unsere erfolgreichste Aktion war der Hashtag #rockthevote im Jahr 2005, als wir danach einen deutlichen Anstieg an Wählern ausmachen konnten“, sagt Merkoci.

Als wesentlichste Arbeit bezeichnet der Direktor jedoch die Überwachung des Parlaments. „Als wir unsere Arbeit begonnen haben, hatte jeder Parlamentarier sein eigenes Auto und seinen eigenen Bodyguard. Freunde stimmten für Freunde ab. Es gab keine Diskussionen, Anhörungen, Ausschüsse oder Arbeitsgruppen“, erzählt der Direktor. Obwohl nach Merkocis Meinung 13 Jahre später noch immer jeder einzelne Politiker korrupt sei, herrsche doch ein Arbeitsklima, in dem etwas voran gehe. Sein größter persönlicher Erfolg: Die Parlamentarier müssen sich jetzt Autos teilen.

Aldo Merkoci ist der Meinung, dass die Kritik an Mjaft! unberechtigt ist. © Tabea Krämer

Kritik an Mjaft!

2009 verkündete Veliaj, er werde Mjaft! verlassen und seine eigene Partei gründen. Die NGO hatte jedoch immer behauptet, nicht politiknah zu agieren. „Im Nachhinein betrachtet haben viele realisiert, dass Erion Veliaj Mjaft! nur als Sprungbrett für seine eigene politische Karriere benutzte“, sagt Redi Muci, Geoinformatiker an der TU Tirana und Mitbegründer von Organizata Politike, einer prononciert linken Aktivistenplattform. Er kritisiert, dass Mjaft! durch Veliajs Schritt in die Politik jede Legitimation verloren habe. Merkoci antwortet auf die Vorwürfe: „Was ist falsch daran, Erfahrungen in der Zivilgesellschaft zu sammeln und dann in die Politik zu gehen?“

Die Arbeit seiner Organisation sei dadurch jedenfalls schwieriger geworden, meint Muci. Denn die Menschen glaubten jetzt, dass jede NGO ausschließlich ihre eigenen politischen Ziele verfolge. Nicht nur in seinen Augen ist Mjaft! „tot”. Auch Gimi Fjolla, eine frühere Aktivistin bei Mjaft!, meint in einem Artikel im euobserver: „Mjaft! war die wichtigste Errungenschaft unserer Zivilgesellschaft, aber die Bewegung hat sich selbst begraben, als sie begonnen hat, eine politische Richtung einzuschlagen.“ Merkoci sagt, der wahre Grund für den Vertrauensverlust in NGOs sei, dass Politiker ihre eigenen „Nicht-Regierungs-Organisationen” gegründet hätten: „Oft ist es schwierig auszumachen, was eine wahre NGO ist, deshalb misstrauen Albaner einer jeden.“

Durchwachsene Bilanz

2427 zivilgesellschaftliche Organisationen listet ein im Vorjahr von der Wirtschaftsuniversität Wien veröffentlichter Bericht zu Albanien. Darin verweist die Sozialwissenschaftlerin Elona Dhembo auch auf die „relativ kurze, aber lebendige Geschichte” von Bürgerengagement im Land. Unter Enver Hoxhas Diktatur sei dergleichen nicht erwünscht gewesen, stattdessen waren die Bürger zu „freiwiligen” Arbeitseinsätzen im Straßenbau oder in der Landwirtschaft verpflichtet worden. Auch heute ist die Bilanz durchwachsen: Es bedürfe noch „substanzieller Anstrengungen”, zivilgesellschaftliche Akteure in den politischen Prozess einzubeziehen, ist im neuesten Albanien-Bericht der EU-Kommission zu lesen.

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Tabea Krämer

Tanzt und lacht und schreibt. Und wenn sie nicht schreibt oder tanzt oder lacht, ist sie mit ihren Gedanken in Ghana.

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